13.04.2007
Interview

„Das Thema Altersvorsorge muss in die Lehrerausbildung eingebaut werden!“

Im Jahr 2030 wird jeder dritte Deutsche älter als 60 Jahre sein. Auf 100 Erwerbstätige kommen dann 71 Rentner. Die gesetzliche Rentenversicherung wird dafür nicht mehr ausreichen. Private und betriebliche Altersvorsorge sind notwendiger denn je. Eva-Maria Kabisch ist Präsidentin der Stiftung Jugend und Bildung und sagt, dass ökonomische Bildung an deutschen Schulen noch immer zu kurz kommt.

ZUR PERSON
Dr. Eva-Maria Kabisch ist 65 Jahre alt, verheiratet und Präsidentin der Stiftung Jugend und Bildung. Sie ist promovierte Literaturwissenschaftlerin und hat als Studienrätin, zuletzt Studiendirektorin, 22 Jahre lang Deutsch, Geschichte, Philosophie und Darstellendes Spiel an verschiedenen Berliner Gymnasien gelehrt und Schulbücher geschrieben, ehe sie als Leitende Oberschulrätin in die Senatsverwaltung wechselte. Dort war sie vor ihrem Ausscheiden Leiterin der obersten Schulaufsicht für alle allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen in Berlin. Sie war Vertreterin des Landes Berlin in den Gremien der Kultusministerkonferenz (KMK), Beauftragte der KMK für das Fach Deutsch und Prüfungsbeauftragte der KMK an deutschen Auslandsschulen. Sie ist außerdem Trägerin des Bundesverdienstkreuzes, der französischen Orden „Chevalier de l“Ordre des Palmes Academiques“ und „Chevalier de l“Ordre Nationale du Merite“.

Wann haben Ihre Eltern zum ersten Mal zu Ihnen gesagt: Eva, du musst fürs Alter vorsorgen?
Das haben sie tatsächlich nie getan. Ich bin in einem Pfarrhaus aufgewachsen. Es gab kaum Geld. Deshalb habe ich von früh auf gelernt, dass ich alles, was ich besitzen möchte, selbst verdienen muss – und wenn es mit Johannisbeerenpflücken im Garten war. Das war sehr gut.

Der Bundestag hat Anfang März die Rente mit 67 beschlossen. Was kommt als Rentner der Zukunft auf uns zu?
Wir müssen davon ausgehen, dass wir eine viel höhere Lebenserwartung haben als zu Zeiten Bismarcks, als die Sozialversicherung erfunden wurde – mindestens zwanzig Jahre mehr. Deshalb ist es richtig, dass die Regierung auf den Mangel an Fachkräften und fehlenden Nachwuchs reagiert hat. Wir brauchen ältere Menschen. Ich gehöre mit 65 Jahren selbst schon dazu. Wir müssen nur sehen, dass wir es individuell angehen. Wir dürfen nicht sagen, körperlich ausgebrannte Leute müssen weitermachen, denn es gibt viele Arbeitsmöglichkeiten, bezahlte und ehrenamtliche. Die Rente mit 67 ist kein Horror. Wir leben heute gesünder und sind dadurch körperlich stabiler. Im Übrigen ist die Qualität dessen, was nach 67 kommt, auch das Ergebnis von dem, was wir vorher getan oder auch nicht getan haben.

Herbert Rische, Präsident der Deutschen Rentenversicherung Bund, hat Anfang März in einem Interview gesagt, dass die Leute glauben würden, im Alter würde sich ihre finanzielle Situation automatisch verbessern. Woher kommt dieser Irrglaube?
Das hängt damit zusammen, dass wir fälschlicherweise immer nur bis zum Ende der Arbeitstätigkeit denken und planen. Und aus der täglichen Arbeitssituation heraus erscheint uns das Rentnerdasein wie das Paradies: Der Wecker klingelt nicht mehr morgens um halb sechs, man ist vor Einbruch der Dunkelheit zu Hause und gießt vielleicht die Blumen auf dem Balkon. Diese Idee vom Alter ist trügerisch. Wir drücken uns damit vor der Realität. Wir haben uns seit langer Zeit abgewöhnt, uns mit Alter, den Erschwernissen und den finanziellen Bedürfnissen des Alters zu beschäftigen. In unseren Köpfen ist immer noch das Bild vom kleinen Häuschen der Eltern auf dem Lande, deren Lebensstandard gesichert war, weil sie der Familie auf dem Hof mithalfen. Wir müssen die zwanzig Jahre danach besser in unsere konzeptionelle Lebensplanung einbeziehen – vor allem die jungen Leute.

Wer hat versäumt, den Menschen klarzumachen, dass nach 65 die staatliche Vorsorge nicht ausreicht?
Im Grunde genommen haben sich weder Politik, Wirtschaft, Psychologie noch Bildung konzeptionell mit einem längeren Leben befasst. Wir verdrängen das Altern in unserer Gesellschaft immer noch weil es etwas Unerotisches ist. Wir beginnen erst jetzt, uns klarzumachen, dass der letzte Teil des Lebens als Wert, als Qualität dazugehört.

Sie versuchen mit Ihrer Stiftung junge Menschen unter anderem in Fragen der Altersvorsorge aufzuklären. Was macht die Stiftung, um die sogenannte ökonomische Grundbildung der jungen Leute zu fördern?
Wir haben im November vorigen Jahres mit einer großen Diskussionsveranstaltung unter dem Titel „Mehr Wirtschaft in die Schule“ begonnen beteiligt waren der GDV, der Bundesverband deutscher Banken (BdB) und der Bundesverband Investment und Asset Management (BVI), der sächsische Kultusminister, Schulpraktiker und Wissenschaftler. Parallel dazu haben wir jetzt ein Fachbuch herausgebracht, das an die Schulen geht, in dem ganz konkret Unterrichtssequenzen dargestellt werden. Ziel ist ein souveräner Konsument und Bürger, der sein Leben selbst in die Hand nimmt.

Wie sehen Ihre Konzepte dafür aus?
Wir leben in wirtschaftlich unsicheren Zeiten und junge Leute müssen sich darauf einstellen, ein navigierendes Berufsleben zu haben.

Ein navigierendes Berufsleben?
Ja, kein lineares Berufsleben mehr, sondern zwei, drei unterschiedliche Berufsfelder neben- oder nacheinander. Jemand macht zum Beispiel nach der 10. Klasse seinen Abschluss und eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker. Dann wird vielleicht deutlich, dass diese Sparte nicht mehr so gefragt ist. Er fährt nebenbei Taxi und gibt dann möglicherweise eines Tages Fortbildungskurse für Leute, die sich mit Autodesign beschäftigen. Solche Berufskarrieren sind heute bei Weitem keine Seltenheit, sie gehören zum Alltag der Menschen. Man muss sich und seine Begabungen ständig überprüfen: Was kann ich eigentlich noch? Das ist die Grundfrage des navigierenden Berufslebens und dafür müssen wir die Leute sensibilisieren. Und so schwierig das für 14- und 15-Jährige auch sein mag, sie müssen lernen und verstehen, dass sie noch mindestens sechsmal so lange leben werden. Sie müssen frühzeitig begreifen, dass sie selbst eigenverantwortlich und strategisch mit ihrem eigenen Leben etwas machen können. Nicht alles ist Schicksal. Wir müssen ihnen auch klarmachen, die Dinge vom Ergebnis her zu planen: Wenn ich ein Studium im Ausland machen möchte oder wenn ich meinen Traumberuf, für den ich zurzeit überhaupt keine Chancen sehe, doch machen will, muss ich an Stellschrauben drehen, um ans nötige Geld zu kommen und die nötige Absicherung dafür zu schaffen.

Braucht man für die ökonomische Grundbildung ein eigenes Fach?
Ich arbeite schon lange im schulischen Bereich und weiß, dass wir viele neue Fächer bräuchten. Das fängt bei den Medien an und hört mit den Rechtskenntnissen nicht auf, aber wir können keine weiteren zehn Fächer einführen. Es wäre wichtig, dass wir ein Fach hätten, in dem das Themenfeld Wirtschaft stärker als bisher und vor allem verbindlich verankert wäre.

Dazu brauchen Sie aber gut ausgebildete Lehrer.
Deshalb plädiere ich dafür, die Themen Altersvorsorge und soziale Absicherung früh in die Lehrerausbildung zu implementieren. Wenn es nach mir ginge, würde ich jedem Lehrer, egal in welchem Fach, eine Grundausbildung in Wirtschaft geben. Lehrer müssen auch wissen, was sie selbst kosten, was jede Unterrichtstunde kostet. Die Wenigsten machen sich wirklich Gedanken darüber.

Liegt es vielleicht auch daran, dass Lehrer Beamte sind, die sich nicht notwendigerweise mit ökonomischer Grundbildung auskennen müssen, weil sie das aus dem eigenen Leben kaum kennen?
Ein heikles Thema. Ich weiß nicht, ob es am Beamtenstatus liegt. Ich habe zum Beispiel auch trotz meines Beamtenstatus gelernt, mit Geld umzugehen und mein Leben vernünftig zu planen. Es geht um einen anderen Punkt: Schule ist heutzutage immer noch ein Biotop. Sie schmort im eigenen Saft. Schule muss sich in den Alltags- und Lebensraum ihres Umfeldes öffnen. Lehrer müssen viel direkter als bisher mit dem Lebensumfeld ihrer jungen Leute zu tun haben. Während ihrer Ausbildung sollten sie verschiedene Stationen durchlaufen, so ähnlich wie die Juristen. Warum arbeitet ein angehender Lehrer denn nicht mal in einem Unternehmen? Warum ist es noch nicht mal üblich, in anderen Bundesländern oder im Ausland zu hospitieren? Man muss also ökonomische Grundbildung in der Lehrerausbildung verankern – mit Wissen und interessantem Unterrichtsmaterial und man muss es auf der Ebene der Kultusminister und der Länder verbindlich machen.

Kann die Wirtschaft auch etwas dafür tun?
Die Wirtschaft tut schon eine ganze Menge. Wichtig wäre aber, dass sich in größerem Umfang als bisher Lobbyisten zusammenschließen und gemeinsam etwas tun. Man würde sich gegenseitig nichts wegnehmen das Ganze würde nur nachhaltiger wirken. Ein Beispiel: Wir haben vor, zusammen mit dem Universum-Verlag, dem GDV, dem BdB und dem BVI, auf der Didacta 2008 einen großen Stand„Mehr Wirtschaft in die Schule” zu präsentieren. Wir wollen auch andere mit ins Boot holen, und zwar mit dem gemeinsamen Ziel, mehr Wirtschaft, mehr ökonomische Grundbildung, mehr Vorsorge in die Schule zu bringen – jeder mit einem eigenen Akzent, aber unter einem gemeinsamen Dach. Erst das wird dann politisch wirksam, denn wir müssen die Kultusminister, die Lehrer und Lehrerinnen und die Eltern gewinnen

Als gelernte Lehrerin: Was wäre denn das Erste, was Sie Schülern in Sachen ökonomische Grundbildung beibringen würden?
Der Umgang mit Geld. Das wäre nicht nur heute wegen der Verschuldungsszenarien bei den jungen Leuten so, sondern prinzipiell. Man muss einfach wissen, wozu habe ich Geld und wie haushalte ich damit? Als Lehrerin habe ich früher meine Schüler am Budget beteiligt, bei der Finanzierung einer Klassenfahrt oder bei einer Anschaffung für den Unterricht. Junge Leute, die beispielsweise an Gremiensitzungen teilnehmen, müssen wissen, was es kostet, wenn völlig verdreckte Toiletten gereinigt und eingetretene Schulzäune repariert werden müssen. Man staunt manchmal, wie wenig Ahnung vorhanden ist, was etwas kostet – leider auch bei Lehrern und Erwachsenen.

Sparen klingt aber nie wirklich sexy.
Schon richtig, aber bei einem vernünftigen Umgang mit Geld kann man sich dann – damit das hier nicht zu miesepetrig klingt – auch einmal richtig genussvoll etwas leisten. Und meine Erfahrung zeigt, junge Menschen sind viel nüchterner und realitätsnäher, als Erwachsene oft denken. Man muss sie nur mitnehmen und es ihnen auch an Vorbildern klarmachen. Hier können Unternehmen und Verbände mit gezielter Information und guten Gesprächspartnern, die möglicherweise auch noch jünger sind, viel tun. Wir bräuchten Wirtschaftsmoderatoren, die wissen, was im Kopf junger Leute vorgeht. Dann kann man auch mit dem Thema kommen: ,,Bitte stell dir vor, du hast noch mindestens 60 Jahre vor dir, was machst du damit?“

Da ist ein Lehrer schnell beim Thema Altersvorsorge und die Schüler rollen noch mehr mit den Augen als beim Thema Geld. Wie kann man sie trotzdem dafür begeistern?
Das Alter kann man nicht schöner machen, als es ist. Man muss sie an einer anderen Ecke kriegen. Junge Menschen spielen heute gern„Second Life” und andere Rollenspiele am Computer. Eine Idee: Strategiespiele für den Computer zu entwickeln, sozusagen ein Lebensschach, an dem man selbst verschiedene Entscheidungen trifft, zum Beispiel mit 21,28 oder mit 35 Jahren, und dann merkt, was bedeutet diese oder jene Entscheidung für mich persönlich? So kann man begreifen, dass man bestimmte Dinge nur erreicht, wenn man sich zehn Jahre vorher Gedanken darüber macht und sich absichert, zum Beispiel mit Versicherungen.

Den Schrecken vor dem Thema Alter nehmen Sie ihnen damit aber nicht, oder?
Vielleicht. Eine andere Idee: Auch bei Harry Potter spielen alte Menschen eine wichtige Rolle. Man kann Schüler auch auf dieser Ebene kriegen, auf der man Alter als eine Vision oder einen Entwurf wie einen fremden Planeten darstellt, auf dem man sich zurechtfinden muss. Man kann die Schüler auch eigene Vorstellungen entwerfen lassen, wie sie leben möchten. Und obwohl sie 15 Jahre alt sind, wird manches eine Rolle spielen, was grundsätzlich eine Rolle im Leben spielt: reisen und mit Freunden zusammen sein zum Beispiel. Junge Leute haben durchaus Interesse daran, Dinge zu planen, zu konzipieren und Alternativen zu erproben. Und man sollte viel mehr mit älteren Menschen in der Schule arbeiten, die erzählen können, wie interessant ihr Leben gewesen ist, dass man wirklich etwas zu erzählen und weiterzugeben hat –Wissen, Würde und Authentizität – also Werte im besten Sinne!

Muss man nicht auch informieren, was es für konkrete Möglichkeiten der Altersvorsorge gibt?
Natürlich! Die jungen Leute müssen erfahren, was die Wirtschaft, der Staat und die Firmen anbieten, was sie davon haben und warum sie so jung anfangen müssen. Jene berühmten drei Säulen der Altersvorsorge können sie mit 15,16 Jahren schon verstehen. Und Schüler sind ja auch an Geldvermehrung interessiert. Das kann man leicht durchspielen: Was kommt raus, wenn ich über einen bestimmten Zeitraum etwas eingezahlt habe? Solche Rechenbeispiele sollte man unmittelbar in die Schule tragen.

Muss man in diesem Zusammenhang den Menschen auch klarmachen, was mit ihrem Geld genau passiert? Welche ökologischen und sozialen Folgen ihre Investments haben?
Das ist genau das Thema der gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskussion. Und natürlich können wir uns nicht mehr darum drücken, solche Wirtschaftsfragen ganzheitlich zu betrachten. Wir müssen unsere Unterrichtsprogramme und Informationsmaterialien so gestalten, dass wir es einerseits schaffen, die Eigenverantwortung des Einzelnen zu stärken, kluge Entscheidungen zu treffen. Aber wir müssen auch gleichzeitig die Frage beantworten, wo landet das Geld, welche Schäden musst du gegebenenfalls einkalkulieren und haben wir nicht andere, bessere Möglichkeiten? Und da könnte ich mir beispielsweise vorstellen, dass die Versicherungswirtschaft Pakete für junge Leute mit ihrem Interesse an Umwelt- und Gerechtigkeitsfragen schnürt. lch könnte mir vorstellen, dass junge Leute sich von Vorsorgeprogrammen überzeugen lassen, wenn sie wissen, das kommt beispielsweise einem Wasserversorgungsprogramm in Afrika zugute. Das vorhandene soziale Engagement junger Leute sollte nicht unterschätzt und auch von Versicherungen und der gesamten Wirtschaft positiv genutzt werden. Vielleicht kommt auch eine Versicherung auf die Idee und bildet mit jungen Leuten einen Think Tank und fragt sie, was wollt ihr mit eurem Geld unterstützen?

Unternehmen werden von jungen, mündigen Konsumenten aber noch kritischer hinterfragt. Sehen Sie darin kein Problem?
Ich denke, Unternehmen sollten überlegen, ob sie ihre Produktpalette überprüfen wollen und ein breites Spektrum entwickeln und Dinge anbieten, die passgenau sind und überzeugen. Solche Produkte müssen die Balance halten zwischen Verdienst und Verantwortung, sie sollen natürlich Rendite bringen, aber eben auch nachhaltig wirksam sein und ethisch reflektiert und verantwortbar. Ein hoher Anspruch, aber genau die richtige Dimension, um junge Menschen für eine eigenverantwortliche Lebens- und Vorsorgeplanung zu gewinnen!

Das Interview führten Marcel Roth und Alexandras Stefanidis.