15.03.2007
GDV-Pressekolloquium 2007

Statement des GDV-Präsidenten Dr. Bernhard Schareck zur Geschäftsentwicklung 2006

Meine Damen und Herren,

herzlich willkommen zu unserem Pressekolloquium 2007. Wir freuen uns, dass Sie zu uns nach Berlin gekommen sind und danken Ihnen für Ihr Interesse an der Entwicklung der deutschen Versicherungswirtschaft. Dazu wollen wir die Ergebnisse in den Blick nehmen, die vorliegen, aber auch nach vorne schauen, soweit ein solcher Ausblick möglich ist. Es geht dabei sicher auch nicht nur um Zahlen obwohl die durchaus verkündenswert sind. So haben wir in 2006 mit 161,6 Milliarden Euro über alle Sparten 2,3 Prozent mehr Beitragseinnahmen verzeichnet als 2005. Meine Kollegen werden die Zahlen gleich im Detail erläutern.

Es geht uns auch um die Themen und Tendenzen, die dahinter stehen und das Versicherungsgeschäft mittel- bis langfristig prägen. Dies ist ja auch immer wieder Gegenstand Ihrer journalistischen Bewertung über die reine Faktenberichterstattung hinaus. Gerade in diesem Zusammenhang hat dieses Kolloquium für uns einen besonderen Wert. Ihre Fragen, Ihre Kritik, Ihre Einschätzung sind uns sehr willkommen, denn sie zwingen uns zur Überprüfung unserer Positionen. Nicht nur zu einer Überprüfung, ob wir alles richtig oder einiges falsch anpacken, sondern auch, ob wir uns mit unserem Kurs hinlänglich verständlich machen. Solche Transparenz ist gerade im Bereich der Vorsorge, deren Erfolg für die finanzielle Lebensplanung von Millionen unserer Kunden buchstäblich existenziell wichtig ist, von entscheidender Bedeutung – im Sinne des Gemeinwohls, aber auch für unseren Markterfolg. Und da steht es mit Blick auf die Zahlen nicht so schlecht.

I. Altersvorsorge

So wurden im vergangenen Jahr bei den deutschen Lebensversicherungsunternehmen mehr als 2 Millionen neue Riester-Renten abgeschlossen. Damit konnte das bereits sehr gute Vorjahresergebnis um 80 Prozent noch einmal durchaus beeindruckend übertroffen werden. Diese Entwicklung sagt eine Menge aus über die Marktakzeptanz der Versicherungswirtschaft im Branchenvergleich. Nicht einmal der gesamte Bestand an 1,2 Millionen Riester-Fondsverträgen erreichte unser Neugeschäft des vergangenen Jahres.

Die Lebensversicherungen haben die für sie außerordentlich gravierende Neuausrichtung der Marktbedingungen durch das Alterseinkünftegesetz gut gemeistert. Sie sind Spitzenreiter im Markt der geförderten Vorsorge. Wir konstatieren durchaus selbstbewusst, aber keineswegs selbstzufrieden, dass der Markt – und das sind Millionen Kunden, die Sicherheit und Rendite suchen – der Assekuranz, d. h. unseren Vermittlern und den Anbietern, das Vertrauen ausspricht.

Sie sehen hier, wie unstet bei „flexiblen“ Anlageprodukten investiert wird. Dieser Erfahrungshorizont der Privatanleger, aus dem Boom 1998 bis 2000 und der Krise 2001 bis 2003, ist der Grund, warum sich nun unter den Privatanlegern erneut Beunruhigung ausbreitet, bei den ersten Anzeichen neuer Börsenunsicherheit. Aktienfonds verzeichneten auch deshalb 2006 Abflüsse von rund 6 Milliarden Euro. Hier zeigt sich, worin das wahre Asset einer Vorsorge via Versicherung besteht: In der Langfristigkeit und Stetigkeit in der Eigenvorsorge, um Berechenbarkeit in der finanziellen Lebensplanung zu schaffen. Der dafür nötigen Sicherheit dienen unsere garantierten Leistungsversprechen und – notabene – eine ordentliche, d. h. wettbewerbsfähige und verlässliche Rendite. Wir werden dazu heute Nachmittag noch mehr hören.

Die Ausgangsbasis für den künftigen Wettbewerb in diesem Bereich ist also gut. Diese muss auch bei allen unseren Innovationsanstrengungen unser Asset bleiben.

II. Innovation

Ich sagte: Innovationsanstrengungen. Nun muss man keine Repräsentativ-Umfrage veranstalten, um herauszufinden, dass Innovationskraft auf den ersten Blick nicht unbedingt zu den Profilcharakteristika der Assekuranz gehört. Aber gerade deshalb werfe ich diesen Punkt auf diesem Kolloquium auf. Man sollte dabei allerdings den Blick für die spezifische Eigenart des Versicherns nicht verlieren, die in Berechenbarkeit besteht, in verlässlicher Partnerschaft zur Beherrschung und Minimierung von Risiken. Das grenzt die bloße Experimentierlust ebenso ein, wie der gesetzliche und aufsichtsrechtliche Rahmen.

Aber die Intensität, Fortschritt zu schaffen für eine zeitgemäße Abdeckung neuer Risiken, Anforderungen, Erwartungen in Wirtschaft und Gesellschaft abzudecken, ist vorhanden. Das gilt mehr oder minder für alle Bereiche des Versicherns. Besonders deutlich wird dies in der Sachversicherung. Wer technischen Innovationen seiner Kunden den zu versichernden Flankenschutz geben will, geben muss, hat selbst innovativer Problemlöser zu sein. Dabei sehen wir uns nicht nur höheren Ansprüchen der Kunden gegenüber, sondern auch einer zunehmenden Pluralität der Kundenprofile.

In der Individualversicherung muss sich die Assekuranz in besonderem Maße auf die neuen Anforderungen einstellen, die aus dem demographischen und dem Wandel nichtlinearer Versichertenbiografien resultieren. So wird es einerseits immer wichtiger, aber andererseits keinesfalls leichter, die Kundenbedürfnisse zu identifizieren und bedarfsgerechte Produkte anzubieten.

Dies geschieht vielfach:

  • So wurde nach der Neuordnung durch das Alterseinkünftegesetz nicht nur der klare Trend zur Rentenversicherung erfolgreich bewältigt, es vollziehen sich auch stetige und spürbare Veränderungen im Produktmix der Lebensversicherung. Variable Kombinationen von Finanz- und Versicherungsprodukten ermöglichen hoch differenzierte, bedarfsgerechte Angebote. Und es besteht und entsteht mit den tiefgreifenden demografischen Veränderungen ein wachsender Bedarf an Seniorenprodukten.
  • Bei der Schaden- und Unfallversicherung wird die rein finanzielle Vorsorge zunehmend begleitet von Assistance-Leistungen mit einem vielfältigen Spektrum, die insbesondere in der älter werdenden Bevölkerung einer steigenden Nachfrage entgegensehen. So können etwa in der Senioren-Unfallversicherung Hilfeleistungen im Haushalt in Anspruch genommen werden, oder in der Hausratversicherung werden anfallende Reparaturen für die Kunden organisiert.

In vielen Lebensbereichen – von der Mobilität bis zur Gesundheit – wächst so ein Assistance-Netzwerk von lebensbegleitenden und lebenserleichternden Serviceleistungen rund um Versicherungsprodukte heran.

Gleichzeitig gibt es einen weiteren großen aktuellen Trend, die Branchenkonsolidierung und die Beschäftigungssituation.

III. Branchenkonsolidierung und Beschäftigung

Meine Damen und Herren,

ich will Sie nicht auf dieses Kolloquium einstimmen, als sei der gute Wille der Versicherungswirtschaft zur Innovation und moderner Kundenorientierung schon die vollendete Tat. Es ist eine Tatsache, dass ein Großteil der Innovationskraft in den Unternehmen davon absorbiert ist, ihre Produktivität zu erhöhen, um alle Vorgaben des Gesetzgebers und der Aufsicht zeitgerecht zu erfüllen.

In der Prioritäten-Skala der „Innovationsziele bei Versicherungen“, das ergaben Umfragen unter den Unternehmensverantwortlichen, steht die Verbesserung der Kostenstruktur auf Platz 1: Zwei Drittel aller Erstversicherer sehen ihre Innovationen vor allem unter diesem Blickwinkel.

Dies zeitigt spürbare Folgen, wie die aktuellen Umstrukturierungen in den deutschen Versicherungsunternehmen belegen. Dabei stehen naturgemäß die beschäftigungspolitischen Wirkungen im Zentrum der öffentlichen Beachtung. In dieser Hinsicht ist indes bei allem einschneidenden Umbau Entdramatisierung angesagt. Abgesehen davon, dass diese Prozesse sich in der Perspektive von einigen Jahren vollziehen, in denen es zwar erhebliche Umsteuerungen, aber keine handstreichartigen „Massen-Entlassungen“ geben wird, muss auch die Entwicklung der Mitarbeiterzahlen insgesamt gesehen werden.

Die branchenweite Entwicklung dokumentiert eine über die Jahre hin stabile Beschäftigung in der Assekuranz – trotz des durch Deregulierung und Internationalisierung enorm verschärften Wettbewerbsdrucks. So ist die Zahl der Beschäftigten seit 2000 branchenweit lediglich von 240.200 auf 226.000 in 2006 zurückgegangen – eine bisher deutlich weniger einschneidende Konsolidierung als etwa im Kreditwesen.

Damit soll keineswegs verharmlost werden, in welcher Herausforderung an Umstrukturierungen und Rationalisierung die Assekuranz steht. Durch die gewaltigen Fortschritte in der Informations- und der Telekommunikationstechnologie samt den Möglichkeiten der internationalen Arbeitsteilung – bei gleichzeitig steigenden Ansprüchen an hochqualitativen Versicherungsschutz von Kunden und Politik – sind die Unternehmen einerseits erhöhtem Wettbewerbsdruck ausgesetzt, andererseits ergeben sich aber auch neue Spielräume – und diese nutzen die Unternehmen. Sie müssen alle Spielräume nutzen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Dies wiederum wird zu einer weiteren Konsolidierung in der Unternehmenslandschaft führen.

Dennoch wird es nach allen Erkenntnissen zu keinem krisenhaften Beschäftigungsrückgang kommen. Die Mitarbeiterzahlen dürften nach einer Abflachung mittelfristig konstant bleiben. Der Arbeitgeberverband der Versicherungswirtschaft geht sogar davon aus, dass nach einem Rückgang der Beschäftigten um 3 Prozent in 2005 und 2006 im laufenden Jahr das Schlimmste schon wieder überstanden sein sollte.

Hier wirkt die Herausforderung von Aufgabenstellungen in neuen Dimensionen – in der privaten Vorsorge ebenso wie etwa in der Risikoabdeckung in Industrie und Hochtechnologie. Dazu kommt die dargestellte Intensivierung der Kundenbeziehungen: Kundennähe braucht Mitarbeiter. So wird es zu Umschichtungen kommen. Den Verschlankungsprozessen im Inneren steht schon jetzt ein forcierter Personalaufbau im selbständigen Außendienst gegenüber.

Auch mit umwälzenden Verlagerungen ins Ausland ist nicht zu rechnen. Die meisten Versicherungsunternehmen verfügen gar nicht über die notwendigen Losgrößen. Die wenigen Auslagerungen, die bislang in der Praxis umgesetzt wurden, betrafen ausgewählte Teile der Wertschöpfungskette – insbesondere im standardisierbaren Bereich. Viele Versicherungsprodukte sind aber so beratungsintensiv, so spezifisch und auch rechtlich so an den Standort gebunden, dass dem so genannten „Offshoring“ doch – zumindest aktuell – noch deutliche Grenzen gesetzt sind.

Dass freilich der Außendienst auch verselbstständigt und bis zum Radikalschnitt ausgegliedert werden kann, dass abgestufte Formen des Outsourcing möglich sind, dafür gibt es in jüngster Zeit Schlagzeilen machende Berichte Ihrerseits.

Mit der Umsetzung der Vermittlerrichtlinie werden sich in der Breite neue Qualitätsstandards im Beratungs- und Vermittlungsprozess rund um Versicherungen etablieren, die das Vertrauen in die Vermittlerschaft insgesamt stärken. Ein Vertrauen, das die meisten unserer Vermittler konkret bei ihren jeweiligen Kunden heute schon genießen. Vor allem der Vertrieb steht deshalb im Fokus der Modernisierungsbetrachtungen – und da gehört er auch hin. Innovationen, prioritär zur Verbesserung der Kostenstruktur, bringen Effizienzgewinne, das ist wichtig, bringen aber noch kein Wachstum. Und der Motor dafür ist der Vertrieb, um den die weiteren Aktionsfelder wie Satelliten kreisen.

Insgesamt aber gilt: In der Versicherungspraxis herrscht eine ausgesprochen dominante Tendenz vor zur Verbesserung der Risikostruktur bei Produkten und zur Effizienzsteigerung bei Prozessen.

IV. Kundenorientierung und Transparenz

Dabei bleibt das Drehmoment des Markterfolgs und des Fortschritts, meine Damen und Herren, die im vergangenen Jahr ausgerufene und begonnene verstärkte Kundenorientierung mit einer Transparenz, die unseren Kunden Planbarkeit in jeder Phase ihres Finanzlebens ermöglicht.

Die informative Begleitung der Kunden „unterwegs“ ist ein Gebot der Zeit. Die Lebensverhältnisse für den modernen Menschen sind heute und in Zukunft wandelbarer als in früheren Jahrzehnten. Nicht zuletzt wegen des Nachlassens des kollektiven staatlichen Rentensystems ist der Weg zur eigenständigen Vorsorgeinitiative unumkehrbar. Das aber bedeutet: Planbarkeit schaffen durch Transparenz.

Das ist die Information beim Vertragsabschluss, das ist – besonders in der Lebensversicherung – die informative und beratende Begleitung des einzelnen Kunden im Versicherungsverlauf, bis das Vorsorgeziel erreicht ist. Wir halten das im vergangenen Jahr vorgestellte Konzept einer gut handhabbaren Übersicht nach wie vor für einen erheblichen Fortschritt. Nur wenn der Versicherte eine konzentrierte Checkliste der wichtigsten Vorsorgepunkte erhält, verfügt er quasi über einen Kompass für seine Vorsorgeentscheidungen. Daher ist der sich im Gesetzentwurf bereits abzeichnende Weg, für eine noch bessere Information der Lebensversicherten Sorge zu tragen, der richtige Weg. So sehen wir der vom Bundesministerium der Justiz zu erlassenden Informationspflichtenverordnung erwartungsvoll entgegen.

Diesen Weg halten wir auch deshalb für richtig, weil er die Chance bietet, für eine konsolidierte Information Sorge zu tragen, d. h. die gegenwärtige Rechtszersplitterung – im Aufsichtsrecht einerseits und im Vertragsrecht andererseits – zu beenden. Die Abschaffung des Policenmodells bringt dagegen, wie auch von unabhängiger Seite bestätigt wird, keinen wirklichen Fortschritt mit sich. Vielmehr werden hierdurch höhere Kosten produziert, als auch der Bürokratie Vorschub geleistet.

Am 28. März wird sich der Rechtsausschuss des Bundestages mit der VVG-Reform befassen. Wir gehen davon aus, dass vor der Sommerpause Klarheit über die endgültige Ausgestaltung hergestellt ist.

Meine Damen und Herren,

wir begrüßen die auf eine Modernisierung des Versicherungsvertragsgesetzes gerichtete Reform. Gleichwohl haben wir noch klare Forderungen. Grundsatz ist, dass neue Produktregulierungen nur erfolgen sollten, soweit unbedingt nötig. Insbesondere muss auch Gerechtigkeit walten zwischen dem Kunden, der seinen Vertrag durchhält und jenen, die mit einem Frühstorno auf Vorteile spekulieren. Das gilt vor allem für die Lebensversicherung, wo wir langfristige und sicherheitsorientierte Kunden gegenüber spekulativen und kurzfristig orientierten Anlegern nicht benachteiligen dürfen. Wir brauchen auch Reaktionsmöglichkeiten im Hinblick auf extreme Kapitalmarktentwicklungen. Deshalb sehen wir unverändert Klarstellungsbedarf für die beabsichtigte Regelung zu den Bewertungsreserven, aber auch zum Rückkaufswert. Herr Dr. Zimmerer wird hierzu noch mehr erläutern.

Die neuen Regelungen zur Haftpflichtversicherung, Stichwort Direktanspruch, bedürfen ebenfalls noch der Änderung. Darauf wird Herr Dr. Schwake gleich noch eingehen.

Sorge bereitet uns ferner die in dem Gesetzesentwurf vorgesehene Einschränkung der Sanktionierung von vorvertraglichen Anzeigepflichtverletzungen des Versicherungsnehmers. Die vorgesehenen Restriktionen führen dazu, dass das Informationsgleichgewicht zwischen Versicherer und Versicherungsnehmer gefährdet wird. Das Versicherungsprinzip kann aber nur funktionieren, wenn auf beiden Vertragsseiten hinsichtlich des Risikos der gleiche Informationsstand vorliegt. Wir sind daher der Auffassung, dass die vorgesehenen Regelungen noch „abgespeckt“ werden müssen.

Diese Kritik soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Versicherungswirtschaft sich zu einer Modernisierung der Kundenbeziehungen zwischen Versicherungsnehmer und Versicherungsunternehmen bekennt. Aber immer sollte bei gesetzlichen Regelungen doch das Ziel sein, zu einem fairen und vor allem stabilen Interessenausgleich zwischen den Belangen der Gesamtheit der Versicherten und den Interessen einzelner Versicherungsnehmer einerseits sowie unternehmerischer Praktikabilität andererseits zu kommen. Wir brauchen stabile Rahmenbedingungen, die Planbarkeit für alle ermöglichen.

Und genau unter diesem Aspekt will ich nur eine grundsätzliche Anmerkung zu der Reform machen, die als Versuch einer Gesundheitsreform startet und nach großen Wehen als monströses „GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz“ herauskam. Herr Schulte wird Ihnen als PKV-Vorsitzender gleich mit seiner Wertung zur Verfügung stehen. Über die PKV hinaus betrifft diese Entwicklung indes die ordnungspolitische Stellung des gesamten privaten Versicherungswesens in Deutschland: es geht um die grundsätzliche Weichenstellung zwischen staatlich und privat in sozialpolitischen Richtungsfragen.

Die private Krankenversicherung ist ein bisher funktionierendes, generationenfestes System. Aber die Perspektive, die ihr politisch verordnet wird, ist wenig erfreulich. Eine neue Balance von umlagefinanzierten gesetzlichen Krankenkassen und kapitalgedeckter privater Krankenversicherung ist nach übereinstimmender Auffassung aller Experten unabweisbar, um die Alterungsfragen der Gesellschaft als dringlichstes strukturelles Problem der sozialen Sicherungssysteme zu lösen, wie wir jetzt auch in der Pflegeversicherung erfahren. Sie wissen, dass eigentlich keiner der im Gesundheitswesen und -markt tätigen Verantwortungsträger mit dem Ergebnis zufrieden ist. Für die private Krankenversicherung und ihre heutigen Kunden werden sich mit dem Gesetz die Rahmenkonditionen erheblich verschlechtern, und das Neugeschäft wird durch das Abschneiden weiterer Teile der Bevölkerung ausgetrocknet. Unter solchen politischen Umständen kommt vorhandene Innovationsfähigkeit nicht Wachstumszielen zugute, sondern wird weithin für eine Überlebensstrategie gebraucht. Hier wird im Interesse der gesamten Versicherungswirtschaft weiter gefochten werden müssen, um die Spielräume für das Prinzip generationenfester Zukunftssicherung zu erhalten.

V. Steuerpolitik

Meine Damen und Herren,

ein weiteres gesetzgeberisches Thema treibt uns derzeit um: Die Reform der Unternehmensbesteuerung. Im internationalen Wettbewerb um Investitionen und Arbeitskräfte will die Große Koalition die Position Deutschlands stärken, aber auch die hiesige Steuerbasis sichern. Auch aus Sicht der Wirtschaft besteht dringender Handlungsbedarf für eine Verbesserung der steuerlichen Rahmenbedingungen deutscher Unternehmen. Ein Kernpunkt ist die Senkung der nominellen Körperschaftsteuerbelastung auf unter 30 Prozent. Die damit gerade für im internationalen Wettbewerb stehende Unternehmen verbundene Entlastungswirkung begrüßen wir ausdrücklich.

Neben diesen entlastenden Maßnahmen sieht der Gesetzentwurf allerdings zur Gegenfinanzierung auch eine ganze Reihe von belastenden Maßnahmen vor. Hier beobachten wir mit Sorge, dass durch eine Überbetonung fiskalpolitischer Maßnahmen wirtschaftspolitisch richtige Ziele und die zurzeit sehr positive konjunkturelle Entwicklung gefährdet werden könnten. Vor allem die geplante Ausdehnung der Hinzurechnung von Zinsen und Zinsanteilen bei der Gewerbesteuer und die Einführung einer so genannten „Zinsschrankenregelung mit Escape-Klausel“ in der Körperschaftsteuer bergen die Gefahr erheblicher steuerlicher Mehrbelastungen.

In diesem Zusammenhang muss bei den Gesetzesberatungen insbesondere sichergestellt werden, dass der Abzug von Leistungen der Versicherungsunternehmen an ihre Kunden als Betriebsausgabe nicht beeinträchtigt wird. Ferner appellieren wir eindringlich, das bestehende Organschaftsverbot für Lebens- und Krankenversicherungsunternehmen aufzuheben. Ein Aufrechterhalten dieses Verbots würde die betroffenen Unternehmen im Vergleich zu anderen Unternehmen steuerlich erheblich benachteiligen. Da auch vom Gesetzgeber offensichtlich keine Benachteiligung gewollt ist, ist es höchste Zeit, das Organschaftsverbot aufzuheben, das spätestens und endgültig schon mit der 2004 erfolgten Änderung der Besteuerung von Lebens- und Krankenversicherungen sinnlos geworden ist.

Mit Wirkung ab 2009 ist im gleichen Gesetz auch die Einführung einer Abgeltungssteuer für alle Kapitalerträge in Höhe von 25 Prozent geplant. Wir halten es grundsätzlich für richtig, dass in diese Abgeltungssteuer auch die bereits nach geltendem Recht steuerpflichtigen Erträge aus Lebensversicherungen einbezogen werden. Nach dem Referentenentwurf sollte dies auch für den hälftigen Ansatz der Erträge bei Verträgen mit einer Laufzeit von mindestens 12 Jahren gelten, die ab Alter 60 ausbezahlt werden. Ein derartiger Ansatz ist bei lang laufenden Vorsorgeverträgen, die über die zwingende Hinterbliebenenabsicherung und Leistungsgarantien den Sozialstaat zuverlässig entlasten, auch sachgerecht, zumal der jährliche Sparerpauschbetrag nicht in Anspruch genommen werden kann. Der Kabinettsentwurf enthält in diesem Punkt aktuell jedoch eine Änderung: Der hälftige Ansatz soll nicht für die Abgeltungssteuer, sondern nur bei einer Besteuerung im Rahmen der Einkommensteuerveranlagung gelten. Der Kunde wird also praktisch gezwungen, eine Einkommensteuererklärung abzugeben, damit die in zu großer Höhe erhobene Kapitalertragsteuer erstattet wird. Dies ist sicher kein Beitrag zur Steuervereinfachung und zugleich ein weiteres Beispiel dafür, wie der vorsorgebereite Bürger durch wechselhafte Bestimmungen irritiert wird.

Die Koalitionsvereinbarung enthält ausdrücklich das Bekenntnis zur Steuervereinfachung und zum Bürokratieabbau. Für den Bereich der Schadenversicherung haben wir einen – wie ich meine – interessanten Vorschlag gemacht: Die Integration der Feuerschutzsteuer in die Versicherungsteuer. Viele zwischen dem Bund und den Ländern strittige Abgrenzungsfragen, die auch vom Bundesrechnungshof wiederholt aufgegriffen wurden, würden beseitigt und im Bereich der Prämienbesteuerung würden knapp 40 Prozent der Berichtspflichten entfallen. Da eine derartige Änderung auch von den finanziellen Auswirkungen her beherrschbar erscheint, hoffe ich, dass unser Vorschlag möglichst kurzfristig aufgegriffen wird.

Meine Damen und Herren,

bei allem, was wir aus gebotenem Interesse an der Entwicklung der gesetzlichen Rahmenbedingungen anzumerken haben, will ich doch unmissverständlich betonen: Die deutsche Versicherungswirtschaft ist wettbewerbsfähig und wird ihre Chancen in der Altersvorsorge und als Risikoträger professionell nutzen. Mehr noch: Vieles, was in den vergangenen Jahren an Anstrengung investiert wurde, wird uns weiter voranbringen. Nach Jahrzehnten der Stabilität und Kontinuität sieht sich die deutsche Versicherungswirtschaft mit vielfältigen Veränderungen in ihrem Umfeld konfrontiert, die zugleich auch einen tiefgreifenden Strukturwandel innerhalb der Branche selbst in Bewegung gesetzt haben. Spezialisierung und Zielgruppenorientierung, moderne, intensivierte Kundenorientierung sowie Innovation auf allen Ebenen – im Vertrieb, bei den Produkten, im Betriebsprozess – sind die Schlüsselerfolgsfaktoren für jetzigen und künftigen Markterfolg.

Das für unsere Wettbewerbsfähigkeit wichtigste europäische Thema ist derzeit – wie Sie wissen – Solvency II. Hier werden wir Ihnen im Herbst in Bezug auf die Rahmenrichtlinie und die QIS-3-Studie Neues zu berichten haben. Aber bei dem EU-Gipfel unter deutscher Ägide, der hier in Berlin diesem Pressekolloquium vorausging, wurde auch sehr deutlich, in welchen übergeordneten globalen Zusammenhängen wir stehen. Und wie politische, wirtschaftliche und soziale Themen – wie etwa jetzt das alles überragende Thema Klimawandel – plötzlich neue Prioritäten bekommen. Die GDV-Jahrestagung im November 2006 behandelte bereits den Klimawandel sehr ausführlich. Die Versicherungswirtschaft mit ihrem Auftrag und Geschäftszweck, Risiken berechenbar zu machen, ist da nicht nur allseitig gefordert, sie ist auch wachsam gegenüber allen Entwicklungen. „Zukunft ist heute“, war das Leitmotto der GDV-Jahrestagung im vergangenen November. Und dem stellen wir uns auch in der Praxis.

Vielen Dank!