14.02.2007
Zukunft für Hochbetagte

Hurra! Wir leben länger!

Im Jahr 2005 gratulierte Bundespräsident Horst Köhler 4360 Deutschen zum hundertsten Geburtstag. Jedes Jahr erhöht sich die Zahl dieser Geburtstagskinder um mehr als 300. So langsam steht fest: Die Zukunft gehört den Hochbetagten. Die Versicherer haben sich darauf eingestellt.

Die Französin Jeanne Calment war 90 Jahre alt, als sie ihrem Rechtsanwalt ihre Wohnung vermachte. Im Gegenzug verpflichtete er sich, der alten Dame jeden Monat eine Rente von etwa 380 Euro zu zahlen, lebenslang. Was nach einem guten Geschäft klang, erwies sich als Reinfall. Aber wie hätte der arme Mann auch ahnen können, dass Jeanne Calment sich anschickte, zum ältesten Menschen der Welt zu werden? Jeanne Calment starb mit 122 Jahren, 32 Jahre nach der Vereinbarung. Der Rechtsanwalt segnete sogar noch vor der Rekordhalterin das Zeitliche, nachdem er ihr den dreifachen Wert der Wohnung überwiesen hatte.

Aber auch Jeanne Calment wird ihren Rekord wohl nicht mehr allzu lange halten können. Denn wir werden immer älter. Der Hauptgrund liegt darin, dass die Medizin immer mehr Fortschritte macht, und ein Ende dieser Entwicklung ist noch nicht abzusehen. Zwar gehen die meisten Wissenschaftler davon aus, dass für uns Menschen bei etwa 130 Jahren Schluss sein wird – immerhin werden die Knochen mürbe, die Glieder steifer, das Herz und die Muskeln schwächer. Es gibt aber auch andere Stimmen.

Der US-Zukunftsforscher Ray Kurzweil meint zum Beispiel, dass uns schon bald sogenannte Nanorobots helfen werden, den Tod zu umgehen oder zumindest den Alterungsprozess zu verzögern. Diese Miniaturroboter in der Größe von Blutzellen sollen dann durch die Arterien des Körpers wandern, um Krankheitserreger und Abfall zu beseitigen, oder Schäden an der DNS zu reparieren. Außerdem werden langfristig alle Organe durch Neurotransplantate ersetzt werden, meint Kurzweil. Aubrey de Grey, Altersforscher an der University of Cambridge, geht noch weiter. Er schätzt, dass Menschen bald tausend Jahre und älter werden können – mit Hilfe spezieller Verjüngungstherapien, die schon in etwa dreißig Jahren möglich sein sollen: „Alterserscheinungen sind reparabel, das ist so sicher wie die Tatsache, dass der Himmel blau ist`, prophezeit de Grey. Dann wären wir im Prinzip unsterblich.

Allerdings hat die Unsterblichkeit auch ihren Preis: Wer länger lebt, braucht auch länger Rente. Diese einfache Wahrheit erkannte schon Anfang des 20. Jahrhunderts der US-Versicherungskonzern Metropolitan Life und ließ seine Statistiker berechnen, wie alt ein Mensch denn werden könne. Die Experten waren sich damals sicher: Maximal 65 Jahre, mehr gehe nicht. Derzeit erreicht in Deutschland eine Frau im Schnitt ein Lebensalter von 82 Jahren, Männer werden durchschnittlich 76 Jahre alt. Tendenz stark steigend: Im Jahr 2030 liegt die durchschnittliche Lebenserwartung für Frauen dann bei 86 Jahren, für Männer bei 81 Jahren. Wer bei guter Gesundheit ist, kann aber auch deutlich älter werden. Wenn ein 30-jähriger Mann heute Vater eines Sohnes wird, kann dieser rund 7,5 Jahre älter werden als sein Vater.

72 Prozent der Deutschen haben zusätzlich zur gesetzlichen Rente privat vorgesorgt.

Damit steht fest: Immer weniger junge müssen immer mehr alte Menschen versorgen. Und wer zahlt dann die Renten? Die Antwort liegt auf der Hand: Jeder muss für sich selbst sorgen. Heute finanzieren noch zwei Erwerbstätige einen Rentner. Viele Experten gehen davon aus, dass schon in 25 Jahren in der gesetzlichen Rentenversicherung nur noch ein Beitragszahler einem Rentner gegenübersteht. Aber nicht nur die Zahl der Rentenbezieher erhöht sich drastisch, sondern auch die Rentenbezugsdauer. „Bei weniger Einzahlungen in die Rentenkasse und gleichzeitig mehr Leistungsempfängern ist der Kollaps im gesetzlichen Rentensystem vorprogrammiert“, sagt Gerald Herde, Pressesprecher der Ideal-Versicherung. Der Staat habe kein Gegenmittel parat, daher helfe nur die private Vorsorge.

„Vorsorgen können nicht nur die Jungen, das kann man auch mit 65 Jahren noch. Wenn ein 65-Jähriger seine Lebensversicherung ausbezahlt bekommt und nicht sofort auf das Geld angewiesen ist, wäre es nur vernünftig, das Geld sofort wieder in eine Rentenvorsorge zu investieren`, rät Herde. Auch wer nur einen geringen Betrag in eine private Rentenansparung einzahlen könne, solle das nicht nach dem Motto „das lohnt sich nicht“ gering schätzen. „Gerade bei Geringverdienern zählt später jeder Cent`, sagt Herde.

Eine aktuelle Studie zeigt, dass die Sorge, im Alter nicht genug Geld zu haben, bei Frauen (17 Prozent) ausgeprägter ist als bei Männern (11 Prozent). 72 Prozent der Deutschen haben laut der Studie zusätzlich zur gesetzlichen Pflege und Rentenversicherung privat für das Alter vorgesorgt. Die allseits verkündete politische Botschaft scheint also auch in der Bevölkerung gut anzukommen: Wer nicht privat vorsorgt, wird im Alter arm aussehen.

Rentenexperte und Sozialforscher Professor Meinhard Miegel vom Bonner Institut für Wirtschaft und Gesellschaft befürchtet, dass in 25 Jahren jeder zweite Rentner nur noch eine Rente in Höhe von Hartz IV bekommen wird. Bereits heute lebe etwa ein Drittel der Rentner unter dem Sozialhilfeniveau. Besonders Langzeitarbeitslose und unstetig Beschäftigte stünden in der Gefahr, im Alter zu verarmen. Diese Entwicklung hat einen heiklen Nebeneffekt: Entsprechend der demografischen Entwicklung könnte die zunehmende Armut im Alter also immer mehr Rentner dazu zwingen, durch Straftaten ihre Existenz zu sichern. Allein in den letzten zehn Jahren ist die Zahl der über 60-jährigen delinquenten Senioren schon um fast 50 Prozent gestiegen. Die meisten von Senioren begangenen Straftaten sind Diebstähle. Erst neulich entwarf der fiktive, aber einprägsame ZDF-Dreiteiler Aufstand der Alten eine düstere Zukunft, in der der heute bekannte Sozialstaat kollabiert und die Bundesrepublik ihre Rentner in Afrika entsorgen muss. Der Film entfachte eine landesweite Diskussion über den Umgang mit alten Menschen in unserer Gesellschaft und die wahrscheinlich bevorstehenden Konflikte zwischen den Generationen.

Im Alter geht es den Menschen um die Sicherung des Lebensstandards und der Lebensqualität. Hier setzen die Versicherer an.

Junge Bundestagsabgeordnete aus fast allen Parteien fordern immer wieder, die Generationengerechtigkeit im Grundgesetz zu verankern, damit die junge Generation nicht irgendwann unter der finanziellen Last zusammenbricht. Jura-Professor Hans-Peter Schwintowski von der Berliner Humboldt-Universität hält die Diskussion indes für verkürzt und räumt den Forderungen kaum eine Erfolgschance ein.

Doch die Hochbetagten in der Bundesrepublik sind nicht nur Ballast: Sie werden zu einer immer wichtigeren Zielgruppe für die Wirtschaft. Schon heute leben in Deutschland 15 Millionen Menschen, die über 65 Jahre alt sind. Im Jahr 2010 werden sogar vier Millionen Deutsche älter als 80 sein und damit das sogenannte „vierte Alter“ erreicht haben. Auch ihren 100. Geburtstag feiern immer mehr Menschen: Allein 2005 verschickte Bundespräsident Horst Köhler an 4360 Deutsche ein Gratulationsschreiben zum Hundertsten, im Schnitt muss er jedes Jahr 300 Briefe mehr versenden. Doch nicht allein die Anzahl älterer Menschen wird steigen, sondern im Vergleich zu heute auch das in dieser Gruppe insgesamt verfügbare Geldvermögen. Kein Wunder also, dass es immer mehr neue Versicherungsprodukte speziell für Senioren gibt. Für die Versicherungswirtschaft stellt sich die Frage, welche Versicherungen ein hochbetagter Mensch eigentlich benötigt und wie diese die speziellen Bedürfnisse der Senioren abdecken können.

Schließlich ist der Vermögensaufbau im Alter meist schon abgeschlossen und das Berufsende in Sicht, auch sind die üblichen Lebens- und Rentenversicherungen in der Regel längst ausbezahlt oder laufen schon. Berufsunfähigkeitsversicherung, Arbeitsrechtschutz und Risikolebensversicherung lohnen für Senioren also nicht mehr. Einige Versicherer bieten schon heute Seniorentarife in der Privathaftpflicht an. Auch Rechtsschutzversicherungen mit vergünstigten Prämien werden angeboten, weil arbeitsrechtliche Streitigkeiten bei Rentnern ja nicht mehr abgedeckt werden müssen. Hausratversicherungen schließlich gibt es nicht unbedingt billiger, aber zugeschnitten auf die Bedürfnisse älterer Menschen: gegen Diebstahl im Krankenzimmer, Raub in der eigenen Wohnung im Pflegefall oder Diebstahl von Gehhilfen im Treppenhaus.

Im Alter kommt es den Menschen aber vor allem auf die Sicherung des Lebensstandards und der Lebensqualität an. „Bei Senioren handelt es sich um eine wachsende Klientel mit besonderen Ansprüchen` sagt Beate Weiße vom GDV. „Die Unfallversicherer haben das erkannt und ein spezielles, auf die Bedürfnisse von Senioren zugeschnittenes Versicherungsprodukt entwickelt.“ Eine massive Einschränkung der Lebensqualität stellt sicherlich der Verlust der Selbstständigkeit dar, was bei älteren Menschen nach einem Unfall schnell passiert ist: Sie tragen meist größere gesundheitliche Schäden davon als jüngere Menschen, und Verletzungen verheilen wesentlich schlechter. Dazu kommt, dass in unserer Gesellschaft Hochbetagte dann nur selten in festen Sozial- und Familienverbänden aufgefangen werden. „Viele Menschen haben Angst, schon in diesen Fällen auf eine Heimunterbringung angewiesen zu sein und es dann möglicherweise zubleiben. Wichtig bei einer Unfallversicherung für Senioren ist also, neben der finanziellen Entschädigung, die konkrete, unbürokratische und schnelle Hilfe bei der Bewältigung ihres Alltags. Genau das leisten Assistance-Versicherungen“, sagt Weiße.

Die wichtigsten und meistverbreiteten Assistance-Leistungen werden in den unverbindlichen GDV-Musterbedingungen für die Senioren-Unfallversicherung aufgezählt. Dazu gehören klassische Pflegeleistungen ebenso wie ein Menü-, Einkaufs- und Wäscheservice, die Begleitung zu Arzt- und Behördengängen, ein Hausnotruf, aber auch die Organisation der Unterbringung von Haustieren. „Außerdem werden Pflegeleistungen nicht nur für den Verletzten Versicherten selbst angeboten, sondern auch für dessen pflegebedürftige Angehörige, um die sich der Versicherte normalerweise kümmert“, erklärt Weiße. Idealerweise schließt die Unfallversicherung damit die Lücke, die sich zwischen Pflegeversicherung und Krankenversicherung auftut, da die eine meist nur bei dauerhafter Pflegebedürftigkeit zahlt und die andere in der Regel nicht für häusliche Pflege aufkommt. „Die Senioren-Unfallversicherung ist in erster Linie dazu da, die Zeit bis zur eventuellen Anerkennung einer Pflegestufe oder bis zur Genesung des Versicherten zu überbrücken. Daher sind die Leistungen meist zeitlich befristet, in der Regel auf sechs Monate“, sagt Weiße.

Bis der Alterungsprozess von den sogenannten Nanorobots tatsächlich aufgehalten werden kann, sollte die Pflegeversicherung im Mittelpunkt jeder Versicherungsanstrengung eines älteren Menschen stehen. Nach Ansicht der Experten gibt es keinen Versicherungszweig mit einem so großen Nachholbedarf. Nur rund zehn Prozent der Deutschen besitzen eine private Pflegeversicherung. Da in diesem Bereich die Differenz zwischen dem, was die gesetzliche Pflegeversicherung bezahlt, und dem, was die Pflege tatsächlich kostet, mehr als 2000 Euro im Monat betragen kann, findet man nur wenige Anbieter, die bis zur Schwerstpflegebedürftigkeit, also Stufe drei, versichern. Für eine Pflegerente von rund 2500 Euro bei Pflegestufe drei zahlt ein 75-jähriger Mensch eine monatliche Prämie von etwa 150 bis 300 Euro. Wobei Frauen übrigens deutlich mehr zahlen als Männer. Der Grund klingt paradox: Männer sterben zwar früher, haben dafür aber bessere Chancen als Frauen, bei guter Gesundheit alt zu werden.

Männer sterben zwar früher, haben aber bessere Chancen als Frauen, bei guter Gesundheit alt zu werden.

Heute sind in Deutschland etwa zwei Millionen Menschen pflegebedürftig. Nach Prognosen der Rürup-Kommission wird die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2030 auf über drei Millionen steigen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin erwartet für denselben Zeitraum, dass 1,5 Millionen mehr Pflegeplätze benötigt werden – mehr als doppelt so viele wie heute. Wie stellen sich die Pflegeversicherungen auf den Ansturm der Alten ein? Nach Einschätzung des Verbandes der privaten Krankenversicherungen ist die demografische Entwicklung für die privaten Versicherer ein geringeres Problem als für die Soziale Pflegeversicherung, da die Beiträge einkommensunabhängig und nur zu einem geringen Teil umlagefinanziert sind. Die Finanzierungsprobleme der Sozialen Pflegeversicherung würden sich dagegen in Zukunft noch erheblich verschärfen.

„Die Kosten, die im Pflegefall auf einen zukommen, werden oft unterschätzt`, sagt Gerald Herde von der Ideal-Versicherung. Ein Schwerstpflegebedürftiger lebt im Durchschnitt noch fünf bis sieben Jahre. Die Pflegekosten belaufen sich auf etwa 3000 Euro im Monat. „Da summieren sich dann in manchen Fällen 150.000 Euro und mehr für die betroffenen Familien. Aber wer hat die schon auf der hohen Kante, wenn es darauf ankommt?“, fragt Herde. Hohe Kosten sind auch einer der Gründe, warum viele Menschen im Alter auswandern. In Spanien werben private Anbieter schon heute damit, dass die Pflegeleistungen bis zu 30 Prozent billiger sind als in Deutschland. Mallorca und Südspanien gehören zu den bevorzugten Auswanderungszielen der Senioren. Japan plant derzeit Seniorenheime auf klimatisch günstigen Inseln mit Pflegekräften aus Billiglohnländern.

Sollten sich also junge Deutsche zum 18. Geburtstag statt eines Autos lieber eine Pflegeversicherung wünschen? „Das wäre dann doch zu viel verlangt. Die meisten Menschen beginnen, sich zwischen 40 und 50 mit diesem Thema zu beschäftigen.“ Und da bleibt wirklich noch genügend Zeit, sich ausreichend abzusichern? „Natürlich“, meint Gerald Herde mit einem Augenzwinkern, „wir werden ja immer älter.“

Franziska Storz und Bastian Obermayer arbeiten als freie Journalisten in München.
GDV-Ansprechpartner: Katrin Rüter, Tel. 030/2020-5119.

GDV Position
Hochbetagte Menschen sollten im Alter ihren Lebensstandard halten können. Dafür können sie sich aber nicht mehr allein auf den Staat verlassen. Seine Kapazitäten sind bei den vorliegenden Altersprognosen völlig ausgeschöpft.