14.02.2007
Interview

„Nur die ökosoziale Marktwirtschaft bringt künftig weltweit das meiste Wachstum“

Von seinem Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung in Ulm aus will Professor Franz Josef Radermacher die Welt verändern. Im Interview fordert er eine Doppelstrategie von Politik und Unternehmen, um Umwelt- und Sozialstandards im Globalisierungsprozess für alle Menschen zu sichern.

ZUR PERSON
Franz Josef Radermacher ist Vorstand des Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung/n (FAW/n) in Ulm. Er ist 56 Jahre alt, verheiratet und hat einen 24-jährigen Sohn. Radermacher ist in Aachen geboren, hat dort in Mathematik promoviert und sich habilitiert. In Karlsruhe promovierte er in Wirtschaftswissenschaften. Radermacher ist Träger des Zukunftspreises des Landes Salzburg, Mitglied im Club of Rome, Vizepräsident des Ökosozialen Forums Europa und Präsident des Bundesverbands für Wirtschaftsförderung und Außenwirtschaft. Zugleich ist er Mitbegründer der Global Marshall Plan Initiative (www.globalmarshallplan.org), die für eine weltweite Ökosoziale Marktwirtschaft kämpft und zum G8-Gipfel im Juni 2007 eine große Kampagne in Zusammenarbeit mit anderen NGOs plant. Radermacher berät Ministerien und internationale Organisationen. Sein bekanntestes Werk ist das Buch Balance oder Zerstörung (2002).

Herr Radermacher, was sind die Grundpfeiler der Ökosozialen Marktwirtschaft?
Sie basiert auf dem Handeln freier Akteure und hat einen gesetzlich fixierten Rahmen. Dieser Rahmen honoriert, was wir in Europa mehrheitlich ethisch und politisch für richtig erachten, und bestraft, was wir für falsch halten. Er setzt einen strikten Umweltschutz durch und sorgt mit Querfinanzierungsmechanismen für einen sozialen Ausgleich.

Klingt irgendwie bekannt.
Die Logik der Ökosozialen Marktwirtschaft ist auch im Programm jeder europäischen Partei verankert und insofern Standard. Allerdings ein Standard, der unter neoliberalem Druck in Vergessenheit geraten ist.

Öko lässt sich sicher leicht definieren. Aber was halten Sie für sozial?
Eine Minimaldefinition der EU besagt, dass jeder Mensch ein würdevolles Leben führen muss. Wir haben versucht, die soziale Seite mathematisch zu fassen. Grob vereinfacht fragen wir: Wie viel vom Bruttoinlandsprodukt landet prozentual nach Steuern und Sozialtransfers als Einkommen bei den 80 Prozent der Menschen mit den geringeren Einkommen und wie viel komplementär dazu bei den 20 Prozent mit den höchsten Einkommen? Damit Länder einen ausreichenden sozialen Ausgleich haben, sollte bei den 80 Prozent mit den geringeren Einkommen mindestens die Hälfte der Einkommenssumme und bei den 20 Prozent mit den höchsten Einkommen maximal die Hälfte landen.

Existieren hierfür empirische Begründungen?
Eine Analyse auf Basis empirischer und theoretischer Betrachtungen zeigt: Wenn zu viel bei den 20 Prozent, also bei den Reichen landet, hat ein Land beispielsweise kein hohes allgemeines Ausbildungsniveau. Wenn zu wenig bei den Reichen landet, dann gibt es nicht genügend Leistungsanreize und das Wachstum ist sehr gering. Das heißt: Es gibt eine Bandbreite von 50 bis 65 Prozent des Bruttoinlandprodukts, die als Einkommen nach Steuern und Sozialtransfers bei den 80 Prozent mit den geringeren Einkommen landen sollte, und von 35 bis 50 Prozent, die bei den 20 Prozent mit den höchsten Einkommen landen sollte. Sozialer Ausgleich ist also konzeptionell präzisierbar, eine Frage der Balance.

Und das ist zurzeit nicht so?
Doch, der soziale Ausgleich ist zum Beispiel bei den Nordeuropäern sehr hoch, einigermaßen hoch ist er bei Deutschen und Japanern, schon deutlich geringer ist er in den USA und in Großbritannien. In den lateinamerikanischen und afrikanischen Ländern ist das Verhältnis am wenigsten ausgewogen. Nicht überraschend, handelt es sich doch um arme Länder. Der Globus als Ganzes ist sogar wesentlich ungleicher organisiert als jedes Land. Im Verhältnis zum Globus ist zum Beispiel Brasilien eine Oase des sozialen Ausgleichs.

Das heißt, der Globus ist viel ärmer, als er sein müsste. Sozial heißt also nicht unbedingt, dass
es überall funktionierende Sozialsysteme gibt?
Nein, es geht um die Verteilung der Einkommen. In der EU gilt in der aus meiner Sicht besten Armutsdefinition jemand als arm, wenn seine finanzielle Ausstattung unterhalb der Hälfte des durchschnittlichen Bruttoinlandsprodukts sitzt. Wir haben in der EU auch das Prinzip, dass wir alle Regionen, in denen das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf unterhalb von 75 Prozent des EU-Durchschnitts fällt, mit Querfinanzierungsmaßnahmen der EU stützen. Am Ende des ökonomischen Prozesses soll also jedem Menschen eine bestimmte Grundausstattung zugestanden werden, damit er sich ein würdevolles Leben ermöglichen kann.

In Ihren Arbeiten schreiben Sie, dass die Ökosoziale Marktwirtschaft nur eines von drei Zukunftsszenarien für die Welt in den nächsten 50 bis 100 Jahren ist. Wie sehen die anderen aus?
Die Zukunft hängt von der Beantwortung zweier Fragen ab. Erstens: Gelingt es, global die Umwelt zu schützen? Zweitens: Gelingt global der soziale Ausgleich? Die erste mögliche Zukunft betrifft den Fall, dass es nicht gelingt, Umwelt und Ressourcen intakt zu halten. Wir sind dann mit einem kollabierenden Ökosystem konfrontiert. Das führt zu einem Kollaps, dessen Ende ein blutiger Bürgerkrieg sein könnte.

Die Zukunftsvarianten zwei und drei sind Konstellationen, in denen der Kollaps vermieden werden kann, also die ökologischen Systeme und die Ressourcenbasis nicht zusammenbrechen. Die eine Variante löst das Knappheitsproblem der Ressourcen so, dass die meisten Menschen an Partizipation gehindert werden. Die Ressourcen werden von Eliten kontrolliert. Für Marktwirtschaftler übersetzt sich das in Marktpreise. Wenn der Ölpreis z. B. auf über 200 Dollar pro Barrel getrieben wird, kann ein Großteil der Menschen auf diesem Globus nicht mehr tun, was er heute tut. Weder können die Chinesen reich werden, noch kann der Normalbürger in Deutschland sein Auto oder seine Heizung bezahlen. Diesen Prozess nennen wir Brasilianisierung oder Ressourcendiktatur. Sie schützt potenziell die Umwelt, ist aber sozial inakzeptabel und kann ebenfalls Krieg zur Folge haben. Wirklich nachhaltig ist nur die letzte Option: eine weltweite Konsenslösung in Bezug auf Umweltschutz und soziale Balance, die weltweite Ökosoziale Marktwirtschaft.

Wie sollen sich die deutschen Versicherungen auf diese Szenarien einstellen?
Vor dem Kollapsfall kann man sich nur sehr begrenzt schützen.

Und wie sieht es bei der Brasilianisierung ökonomisch für ein Unternehmen aus?
Typisch für die Brasilianisierung ist, dass sich die Lebenssituation von 80 Prozent der Menschen verschlechtert, aber von 20 Prozent verbessert. Betrachtet man in Analogie die Automobilhersteller, dann kann es ungünstig sein, der Spezialist für Mittelklasse-Automobile zu sein. Solche Unternehmen müssen dann in einer brasilianisierten Welt versuchen, entweder auf die Produktion von Mopeds oder auf Luxusautos zu wechseln.

Das hört sich im Vergleich zu einem bevorstehenden Bürgerkrieg erst mal sehr ungefährlich an. Warum ist die Ökosoziale Marktwirtschaft trotzdem auch für Unternehmen die bessere Variante?
Es gibt eine einfache Begründung dafür, dass alle vernünftig denkenden Menschen das ökosoziale Modell bevorzugen sollten. Beim Kollaps gibt es sicher Krieg. Und in der Brasilianisierung steckt zumindest das Risiko eines Kriegs sowie des Zusammenbruchs des Weltfinanzsystems. Insofern kann auch die Brasilianisierung ein Weg in den Kollaps sein und in jedem Fall in unerträgliche Verhältnisse. Wer also an möglichst viel Wachstum interessiert ist und Wohlstand für alle will, favorisiert das ökosoziale Modell.

Und der Preis dafür wäre die Akzeptanz einer balancierten Verteilung der Einkommen weltweit? So einfach ist das doch nicht.
So einfach ist das. Wenn eine Versicherung daran interessiert ist, viele Normalbürger zu versichern, die alle in einer balancierten Situation ein finanzielles Potenzial mitbringen, und wenn sich eine Versicherung in dieser Logik nicht auf ein kleines Segment von Menschen mit hohen Einkommen oder großen Vermögen konzentriert, dann ist für sie das ökosoziale Modell das Beste. Warum? Weil es eine friedliche Lösung ist, die langfristig die Eigentumsrechte absichert und den höchsten Wohlstand erzeugt – ein komfortabler Zustand auch für die meisten Unternehmen in Deutschland, die die soziale Marktwirtschaft favorisieren.

Was erwarten Sie also heute von den Versicherungen? Dass sie für die Tobin-Steuer eintreten? Oder ihre Guthaben in ethisch saubere Investments überführen? Wohin sollen die Unternehmen steuern?
An erster Stelle steht die Forderung, dass jeder Mensch auf dieser Welt eine Ausbildung bekommt und für jeden ein Gesundheitssystem und ein Rentensystem zur Verfügung steht – über Umlage oder durch private Verträge. Dann müsste man alle Einkommen auf dem Globus balanciert besteuern und insofern gegen Steuerparadiese argumentieren, in denen in nicht transparenter Weise große Gewinne verschwinden, keine Steuern gezahlt und Bilanzen durch Scheingeschäfte manipuliert werden. Man muss dann auch gegen eine Steuerkonkurrenz in der EU argumentieren, die dazu führt, dass das verfügbare Steuerpotenzial dauernd kleiner wird.

Das sind nicht gerade Forderungen, die sich im Nu realisieren lassen.
Sicher nicht, nein. Aber man muss trotzdem einmal anfangen. Und dann auch überlegen, ob man globale Transaktionen besteuert, damit zum Beispiel der globale Transport endlich die induzierten Umweltkosten bezahlt. Wichtig ist auch die Klärung der Frage, ob eine weltweite Steuer auf Finanztransaktionen sinnvoll ist und ob man Finanztransaktionen besser kontrollieren sollte. Ich meine ja.

Gibt es weitere Ansätze?
Man müsste zum Beispiel darüber nachdenken, ob ökonomische Akteure, die über große Sicherheiten verfügen und da her an Kredite sehr viel billiger kommen als etwa Mittelständler und erst recht private Bankkunden, auf ihre günstigen Zinssätze einen Zuschlag von 0,1 Prozentpunkt erhalten sollten, um mit diesen Geldmitteln weltweite Entwicklung zu finanzieren. Dann erhalten diese Akteure ihre Kredite immer noch erheblich günstiger als alle anderen, helfen nun aber global, und die Allgemeinheit muss weniger Geld für Entwicklungsförderung aus dem Staatshaushalt aufbringen.

Man muss des Weiteren einen Weg finden, dass in den weltökonomischen Prozessen etwa bei WTO, IWF und Weltbank Menschenrechte sowie Umwelt- und Sozialstandards beachtet werden. Das fordert auch Bundeskanzlerin Angela Merkel seit einiger Zeit. Außerdem wäre ein vernünftiges Angebot an die ärmeren Länder, dass wir ihre Entwicklung querfinanzieren, die Voraussetzung dafür, dass sie Kinderarbeit in Welthandelsaktivitäten verbieten. Dafür müssten jetzt starke Unternehmen argumentieren.

Aber die Unternehmen müssen doch gleichzeitig auf dem Markt bestehen und sich an die Regeln halten. Wie hält man jemanden davon ab, in etwas zu investieren, wenn es mehr Rendite abwirft?
Das ist schwierig und verlangt eine doppelstrategische Positionierung. Da wir in einer Konkurrenzsituation agieren, müssen die Unternehmen natürlich tun, was nötig ist, um im Markt zu überleben. Das heißt, wir müssen diesen Spagat hinbekommen, dass wir etwas tun, von dem wir andererseits aber schon wissen, dass es nicht das Richtige ist. Ein einfaches Beispiel: Wenn jemand mit geringem Einkommen von Billigfliegerei profitiert, aber gleichzeitig weiß, dass diese Flüge die Umwelt massiv belasten, dann wird er zwar fliegen, weil ihm in ökonomischer Konkurrenz zu anderen vielleicht auch nichts anderes übrig bleibt. Trotzdem kann er dies für falsch halten und entsprechende politische Prozesse unterstützen, die Fliegen teurer machen – wohl wissend, dass dies künftig sein eigenes Reiseverhalten, aber auch das seiner Konkurrenten verändern wird. Diese Art von Doppelstrategie empfehle ich auch den Unternehmen.

Wie sind wir überhaupt so weit gekommen? Hat sich die Politik das Heft aus der Hand nehmen lassen?
Ja und nein. Der technische Fortschritt hat die Weltökonomie in ein System überführt, das mit weltweiten Kommunikationssystemen, IT und moderner Logistik Wertschöpfungsprozesse in einem globalen ökonomischen Raum organisiert, der mit den historisch gewachsenen nationalen Governance-Strukturen nicht mehr adäquat reguliert werden kann. Die Politik ist im Grunde genommen ausgehebelt worden, weil ihre Struktur nach wie vor im Wesentlichen national, die Ökonomie aber global ist. Das Problem ist insofern nicht die Globalisierung der Ökonomie, sondern die fehlende komplementäre Globalisierung der Politik. Eine Überwindung dieser Situation ist nur durch eine Koordinierung der Politik in Form einer Global Governance möglich. Dagegen stehen aber die Eigeninteressen der Staaten, die in einer spieltheoretischen Verschränkung operieren.

Gibt es einen Schuldigen?
Das ist keine Frage der Schuld. Zentral ist vielmehr der Bumerangeffekt des technischen Fortschritts. Die wichtigste Sekundärwirkung dieses Fortschritts ist, dass wir immer mehr Menschen mit einem immer höheren Lebensstandard auf einem immer höheren Erwartungsniveau sind. Die Schwierigkeit ist, dass wir eine Governance-Struktur für den ganzen Globus brauchen. Diese zu finden ist schwer, einmal wegen der großen Differenzen im Wohlstandsniveau, aber auch wegen der unterschiedlichen kulturellen Sichten auf die Welt.

Als promovierter Mathematiker berechnen Sie Wahrscheinlichkeiten im Schlaf. Wie wahrscheinlich ist jedes Ihrer drei erwähnten Szenarien?
Man muss als Mathematiker und Systemtheoretiker klar sagen: Wir können innerhalb jedes der drei Szenarien die nächsten 50 bis 70 Jahre ganz gut analysieren. Aber es gibt keine mathematische Rechnung, die voraussagt, welches der Szenarien wie wahrscheinlich ist. Im Kern muss man solche Wahrscheinlichkeiten aus dem Bauch heraus entwickeln, und das beinhaltet immer erhebliche Unsicherheiten. Ich gebe seit 15 Jahren unverändert dem Kollaps 15 Prozent, der Brasilianisierung 50 Prozent und dem ökosozialen Modell 35 Prozent. Wir gehen also schwierigen Zeiten entgegen, aber die Lage ist nicht chancenlos.

Das Interview führte Philipp Thor. Er arbeitet als freier Journalist in Berlin.