25.01.2007
45. Verkehrsgerichtstag in Goslar 2007

Arbeitskreis III: Geschwindigkeit als Unfallursache

Dipl.-Ing. Werner Köppel, Fachbereichsleiter Verkehrsinfrastruktur, Unfallforschung der Versicherer, Berlin

Rasen ist nach wie vor eine Hauptursache für schwere Verkehrsunfälle. Das hat auch die EU-Kommission erkannt, die die überhöhte Geschwindigkeit neben dem Nichtanlegen des Sicherheitsgurtes und dem Fahren unter Alkoholeinfluss im Oktober 2006 in ihrer Infrastruktur-Richtlinie besonders hervorgehoben hat.

Vor allem auf Landstraßen wird – wie Messungen der Unfallforschung der Versicherer ergeben haben –, nicht nur dort wo es die Straße zulässt, häufig viel zu schnell gefahren. So ergaben beispielsweise Geschwindigkeitsmessungen auf der Bundesstraße 1 in Brandenburg, dass auf freier Strecke die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h auch bei hohen Verkehrsstärken im Mittel von mehr als der Hälfte der Fahrer überschritten wurde.

Und je mehr auf Außerortsstraßen gerast wird, desto schwerer sind auch die Unfallfolgen, da derartige Unfälle auf Grund ungeschützter Seitenräume oft an Bäumen enden. Die Insassen werden dabei meist sehr schwer verletzt oder gar getötet. Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich rund zwei Drittel aller tödlichen Unfälle auf Landstraßen ereignen.

Den dabei oft gehörten Einwand, dass nur wenige schwere Unfälle nach der amtlichen Statistik auf überhöhte Geschwindigkeit zurückzuführen seien, weist die Unfallforschung des GDV zurück. Denn die Polizei kann bei der Unfallaufnahme vor Ort in der Regel gar nicht feststellen, ob der Unfall durch „nicht angepasste Geschwindigkeit“ oder durch „Überschreiten der Höchstgeschwindigkeit“ verursacht wurde. Dazu wären Gutachten oder Unfalldatenschreiber notwendig.

Deshalb muss – statt über neue Tempolimits zu diskutieren – die jeweils zulässige Höchstgeschwindigkeit auf den Landstrassen an Unfallschwerpunkten konsequent durchgesetzt werden. Wirksamstes Mittel dabei: die ortsfeste Geschwindigkeitsüberwachung (Starenkasten). Denn wenn diese installiert werden, gehen die Unfälle erwiesenermaßen deutlich zurück.

Weitere geeignete Maßnahmen, Unfälle mit der Hauptursache „Geschwindigkeit“ wirkungsvoll zu bekämpfen, sind:

• Schutzplanken
• Ampelanlagen mit separater Linksabbiegephase
• Kreisverkehrsplätze
• Bauliche Trennung der Fahrstreifen
• 2+1-spurige Straßen

Diese Maßnahmen müssen jedoch in jedem einzelnen Fall individuell auf die Straßen-, Verkehrs-, und Unfallsituation abgestimmt sein.

Goslar, 24. Januar 2007
Empfehlung des Arbeitskreises

1. Die Entwicklung der Verkehrssicherheit in den vergangenen Jahren ist durch einen deutlichen Rückgang der Verkehrstoten geprägt. Dies kann kein Anlass sein, in den Bemühungen um eine weitere Verringerung des Risikos geschwindigkeitsbedingter Verkehrsunfälle nachzulassen.

Das gilt um so mehr, als sich den jährlichen Verkehrsunfallstatistiken die Zahl der Opfer nicht entnehmen lässt, die – zum Beispiel infolge verbesserter passiver Sicherheit der Fahrzeuge und erheblicher Fortschritte in der medizinischen Versorgung – zwar nicht mehr zu Tode kommen, aber nur mit schweren oder schwersten gesundheitlichen Dauerfolgen überleben.

2. Ganz allgemein gilt es, das Bewusstsein für die Gefahren des Fahrens mit überhöhter (unzulässig hoher oder nicht situationsangepasster) Geschwindigkeit durch Aufklärung und Information zu stärken.

3. Handlungsbedarf besteht vor allem für den Verkehr auf Landstraßen, weil dort gemessen am Verkehrsaufkommen eine überproportional große Zahl von schweren Unfällen und Verkehrstoten zu verzeichnen ist. Namentlich bezogen auf diesen Bereich erscheinen Maßnahmen zur Vermeidung geschwindigkeitsbedingter Unfälle bzw. zur Milderung ihrer Folgen sinnvoll und erfolgversprechend. Der Arbeitskreis empfiehlt insbesondere:

a) Straßen so zu gestalten, dass sie den Autofahrer bei der Wahl einer angepassten Geschwindigkeit unterstützen („selbsterklärende Straße“)

b) die Sicherheit an Kreuzungen und Einmündungen durch geeignete bauliche und verkehrsregelnde Maßnahmen zu erhöhen (etwa durch die vermehrte Einrichtung von Kreisverkehrsplätzen, wo sinnvoll möglich, sowie durch Sicherung der Linksabbieger)

c) Maßnahmen zur Durchsetzung der bestehenden Geschwindigkeitsbegrenzungen sowie eine Erhöhung der Kontrolldichte an Unfallhäufungsstellen, namentlich durch den Einsatz von Geschwindigkeitsüberwachungsanlagen.

Der Arbeitskreis empfiehlt zu prüfen, ob die rechtlichen und tatsächlichen Voraussetzungen für die Einführung von „section control“ geschaffen werden können.

d) Sicherung der Fahrbahnseitenräume vor allem und jedenfalls an Unfallhäufungsstellen (als flankierende Maßnahmen zur Minimierung von Unfallfolgen)

4. Der Arbeitskreis empfiehlt auf Bundesautobahnen den weiteren Ausbau von Verkehrsbeeinflussungsanlagen.

Auf Strecken mit Geschwindigkeitsbeschränkung soll deren Einhaltung verstärkt kontrolliert werden. Zur Ahndung von Rasern und Dränglern soll vermehrt Videoüberwachung eingesetzt werden. Der Arbeitskreis spricht sich mit knapper Mehrheit gegen die Einführung eines generellen Tempolimits auf Bundesautobahnen aus.