16.11.2006
GDV-Jahrestagung 2006

„Entgrenzte Märkte, entfesseltes Kapital“ – Vortrag Prof. Dr. Dr. Franz Josef Radermacher

Die Welt sieht sich spätestens seit der Weltkonferenz von Rio 1992 vor der Herausforderung, eine nachhaltige Entwicklung bewusst zu gestalten. Das bedeutet insbesondere eine große Designaufgabe bezüglich der Wirtschaft, nämlich die Gestaltung eines nachhaltigkeitskonformen Wachstums bei gleichzeitiger Herbeiführung eines (welt-) sozialen Ausgleichs und den Erhalt der ökologischen Systeme. Diese Zielsetzung hat gerade auch aus der Sicht der Versicherungswirtschaft eine zentrale Bedeutung. Die Chancen zur Erreichung dieses Ziels sind aber alles andere als gut. Wie im Folgenden beschrieben wird, ist das (nur) eine von drei prinzipiellen Zukunftsperspektiven für die Menschheit. Die anderen sind ein Kollaps oder eine Ressourcendiktatur/Brasilianisierung, wahrscheinlich verbunden mit Terror und Bürgerkrieg.

1. Einleitung

Der vorliegende Text beschreibt die drei Optionen und entwickelt eine Doppelstrategie, wie man am besten mit dieser Situation umgeht. Dies wird aus Sicht der europäischen Politik wie der deutschen Versicherungswirtschaft beleuchtet. In Bezug auf die anstehenden weltweiten Herausforderungen wird mit einem Global Marshall Plan ein konkretes Programm vorgestellt, wie vielleicht Balance noch rechtzeitig gesichert werden kann.

2. Weltweite Problemlagen

Die Welt befindet sich zum Anfang des neuen Jahrhunderts in einer extrem schwierigen Situation. Als Folge der ökonomischen Globalisierung befindet sich das weltökonomische
System in einem Prozess zunehmender Entfesselung und Entgrenzung im Kontext des Megatrends „explosive Beschleunigung“, und das unter teilweise inadäquaten welt-weiten Rahmenbedingungen.


Megatrend: Explosive Beschleunigung

  • Bevölkerungsentwicklung
  • Distanzverkürzung
  • Zugriff auf Ressourcen
  • Technische Systeme
  • Soziale Spaltung
  • Aufeinanderprallen von Kultursystemen

Das korrespondiert zu dem eingetretenen Verlust des Primats der Politik, weil die politischen Kernstrukturen nach wie vor national oder, in einem gewissen Umfang, kontinental, aber nicht global sind. In diesem Globalisierungsprozess gehen die Entfaltung der neuen technischen Möglichkeiten zur Substitution menschlicher Arbeitskraft wie auch die zunehmende Integration von Teilen des Arbeitskräftepotentials der ärmeren Länder in den Weltmarkt teilweise zu Lasten der Arbeitsplatzchancen der weniger qualifizierten Arbeitnehmer in den reichen Ländern, die sich deshalb zu Recht als Verlierer der Globalisierung wahrnehmen. Die beschriebenen Entwicklungen beinhalten zwar gewisse Chancen für Entwicklung, laufen aber gleichzeitig wegen fehlender internationaler Standards und Regulierungsmöglichkeiten und der daraus resultierenden Fehlorientierung des Weltmarktes dem Ziel einer nachhaltigen Entwicklung entgegen. Die Entwicklungen erfolgen zu Lasten des sozialen Ausgleichs, der Balance zwischen den Kulturen und der globalen ökologischen Stabilität. Wo liegen dabei die ganz großen Herausforderungen?

Die Umwelt- und Ressourcenfrage

Aufgrund der gegebenen Hinweise erweist sich im Kontext der Globalisierung der Zugriff auf Ressourcen und die Erzeugung von Umweltbelastungen als ganz großer Engpass. Ohne Ressourcen kein Reichtum! Und Kollaps bei übermäßigem Zugriff. Wer kann, wer darf auf Ressourcen in welchem Umfang zugreifen? Das kann eine Frage von Krieg und Frieden werden.

Das rasche Wachsen der Weltbevölkerung verschärft die Situation signifikant und in sehr kurzen Zeiträumen. Die Menschheit bewegt sich in Richtung auf 10 Milliarden Menschen [6, 16]. Hinzu kommt das Hineinwachsen von Hunderten Millionen weiterer Menschen in ressourcenintensive Lebensstile.

Es könnte deshalb in den nächsten Jahrzehnten trotz massiver Steigerung der Nahrungsmittelproduktion eng werden hinsichtlich der Ernährung der Weltbevölkerung. Um 2015 ist der Höhepunkt der Ölproduktion zu erwarten. Hier drohen erhebliche Problemlagen und Konflikte. Im Bereich der CO2-Emissionen bewegen wir uns wahrscheinlich heute schon auf eine Klimakatastrophe zu. Mit Blick auf den aktuellen Bestseller »Kollaps: Warum Gesellschaften überleben oder untergehen« von Jared Diamond [2], der aufzeigt, welche Konstellationen in einer historischen Perspektive zum Zusammenbruch ganzer Gesellschaften geführt haben, deuten sich erhebliche Verwerfungen an. Der Ressourcendruck verschärft sich von mehreren Seiten und die (welt-)politische Situation ist nicht günstig, um mit diesem Thema adäquat umzugehen. Hinzu kommt, dass große Teile der Eliten, weltweit, eine Bewältigung dieser Herausforderungen bisher nicht als ihre zentrale Aufgabe ansehen.
Der Bumerang-Effekt

  • Technik als Lösung!?
  • Die Lösung als Problem!
  • Der Rebound-Effekt
  • Die Notwendigkeit sozial-kultureller Innovationen
  • Die Herausforderung von Global Governance

Die Frage der Limitation des Verbrauchs nicht erneuerbarer Ressourcen und der Begrenzung der Umweltbelastungen in einer globalen Perspektive tritt vor dem beschriebenen Hintergrund in das Zentrum aller Versuche zur Erreichung zukunftsfähiger Lösungen, denn der technische Fortschritt alleine, so sehr er die Umweltbelastungen pro produzierter Einheit zu senken vermag (Dematerialisierung, Erhöhung der Ökoeffizienz), führt aufgrund des sogenannten Bumerangeffekts in der Summe zu eher mehr als zu geringeren Gesamtbelastungen der ökologischen Systeme [13]. Mit jeder Frage nach Begrenzung, etwa der CO2-Emissionen, stellt sich aber sofort die weltweite und bis heute unbeantwortete Verteilungsproblematik in voller Schärfe.

Dabei ist zwischen »großvaterartigen« Aufteilungsansätzen, bei denen man sich im wesentlichen am Status Quo orientiert (und dadurch der armen Welt ein »Aufschließen« an das Niveau der Erzeugung von Umweltbelastungen der reichen Welt vorenthält) oder »pro Kopf gleichen Zuordnungen« von Verschmutzungsrechten und deren ökonomischer Handelbarkeit zu unterscheiden. Letztlich stellen sich hier Fragen der Gerechtigkeit innerhalb, aber erst recht zwischen den Staaten. Dies ist aus Sicht der sich entwickelnden Länder vor dem Hintergrund der Erfahrungen mit dem Kolonialismus und ungleicher Verträge zu sehen. Das Konfliktpotential in diesem Bereich ist gigantisch und wird in der praktischen Politik bisher völlig unterschätzt. Umweltfragen übersetzen sich dabei in soziale und damit in Verteilungsfragen – innerhalb, aber vor allem auch zwischen Ländern. Hier schlägt nun mit der Entwicklung im Finanzsektor ein weiterer Bumerang zu.

3. Die Entgrenzung des Finanzsektors – das Problem hinter den Problemen

Eine ungenügende Global Governance

  • Der Siegeszug des digitalen Kapitalismus
  • Die Entgrenzung der Finanzmärkte
  • Effektivität vs. Effizienz: inadäquate Rahmenbedingungen
  • Vagabundierende Macht ohne adäquate Verantwortung und Kontrolle
  • Unterminierung der Demokratie
  • Vergrößerung der sozialen Spaltung
  • Zerstörung der Umwelt

Das vielleicht größte Problem weltweit ist die Entgrenzung des Finanzsektors in Folge der Globalisierung in Form des digitalen Kapitalismus [3]. Geld vagabundiert unkontrolliert um den Globus, sucht nach immer höheren Renditen, setzt Regierungen unter Druck und entsteht fast aus dem Nichts. Größtes Wertschöpfungssegment wird dabei einerseits die Vermeidung von Steuerzahlungen unter Ausnutzung komplexer internationaler Gesetzeslagen und der besonderen Möglichkeiten von Off-Shore-Finanzplätzen, andererseits die Geldneuwertschöpfung bzw. die Kreditaufnahme durch Premium-Schuldner. Die Modifikationen der Finanzmarktregulierungen der letzten Jahre erlauben kleinen Gruppen von Premium-Akteuren die Generierung von Geld quasi aus dem Nichts durch neue Formen der Geldwertschöpfung unter Nutzung innovativer Finanzierungsinstrumente und bestimmter Formen von Schuldverschreibungen. Gleichzeitig ermöglicht die Verlagerung von Arbeit Gewinne bei wenigen zu Lasten hoher Verluste bei vielen. Mittlerweile kommt es zum Rückbau der Sozialsysteme in reichen Ländern, zu einer „Ausplünderung“ des Mittelstandes [28] und zu erheblichen Reduktionen bei den Steuereinnahmen der Staaten. Insgesamt ist dies eine Entwicklung, bei der die Stabilität durch immer größere Kurzfristigkeit gefährdet wird, auch zu Lasten der Zukunft. Allerdings besitzt diese Entwicklung den „Charme“, den hohe soziale Ungleichheit für Eliten besitzt und der unten vertieft im Sinne einer Brasilianisierung diskutiert wird.

Die Folgen

  • Legale Steuerflucht
  • Geldschöpfung aus dem Nichts, Ausweitung der Geldmenge, Aufbau von „Bubbles“
  • Massive Umverteilung zu wenigen „Superreichen“, Ausbluten des Mittelstandes
  • Drohender Kollaps der Weltfinanzmärkte
  • „Plünderung“ zu Lasten von Umwelt, Frieden und Zukunftspotentialen
  • Ausfransen der Demokratie an den Rändern
  • Erzeugung von Hass
  • Verlust der informationellen Selbstbestimmung
  • Militarisierung der Gesellschaft
  • Terror und Gegenterror – potentiell Bürgerkrieg

4. Welche Zukünfte sind möglich?

Richtet man den Blick auf das weltweite Geschehen und berücksichtigt die nächsten 50 Jahre, so resultieren aus der beschriebenen Gesamtkonstellation, d. h. den Risiken bezüglich Umwelt und Ressourcen einerseits und den Risiken bezüglich sozialer und kultureller Balance andererseits drei mögliche Zukünfte [11, 14, 16] im Sinne von Attraktoren, die im weiteren kurz diskutiert werden und von denen zwei extrem bedrohlich und nicht mit Nachhaltigkeit vereinbar sind. Die drei Fälle ergeben sich aus der Frage, ob die beiden großen weltethischen Postulate: (1) Schutz der Umwelt und Begrenzung des Ressourcenverbrauchs und (2) Beachtung der Würde aller Menschen (eingeschränktes weltweites Demokratieprinzip) erreicht werden. Gelingt (1) nicht, machen wir also weiter wie bisher, kommt der Kollaps. Gelingt (1), ist die Frage „wie?“. Durch Machteinsatz zu Gunsten weniger, zu Lasten vieler – dann finden wir uns in einer Ressourcendiktatur und dazu korrespondierend in der Brasilianisierung wieder. Nur im Fall von Konsens landen wir in einem Modell mit Perspektive, einer weltweiten Ökosozialen Marktwirtschaft.


Wo stehen wir in 50 Jahren? – Drei Zukünfte

  • Kollaps
  • Brasilianisierung
  • Weltweite Ökosoziale Marktwirtschaft (doppelter Faktor 10 als Perspektive)

4.1 Business as usual / Kollaps

Fährt man weiter entlang der bisherigen, im wesentlichen an Freihandelsprinzipien orientierten Logik à la WTO, IWF etc., dann befindet man sich in einem Szenario, das die ultimativen Grenzen der Naturbelastbarkeit nicht in das welt-ökonomische System integriert hat, zugleich werden große Teile der Humanpotentiale auf diesem Globus nicht voll entwickelt. Damit werden viele Menschen und Kulturen in die Zweitklassigkeit gebracht bzw. dort »eingemauert«. Dieses System wird schon in 20 bis 30 Jahren gegen definitive Grenzen laufen und mit Kämpfen um Ressourcen verbunden sein, die exorbitante Kosten nach sich ziehen werden. Gewisse Rückfallpositionen vor Ort in der Grundversorgung (im Sinne einer Minimal-Autonomie) können überlebensrelevant werden, insbesondere Lösungen in den Breichen Ernährung und Energie. Dieser Business as usual — Weg ist nicht nachhaltig und nicht zukunftsfähig, weder global noch regional. Aus Sicht des Autors ist dieser Fall eher unwahrscheinlich (15 %), da bei Annäherung an den Katastrophenfall massive Abwehrreaktionen und Gegenmaßnahmen zu erwarten sind. Die Frage ist, welcher Art diese sein werden, wenn der Kollaps unmittelbar bevorsteht.

4.2 Brasilianisierung / Öko-diktatorische (ressourcendiktatorische) Sicherheitsregime

Es steht zu erwarten, dass bei einem Zuspitzen der beschriebenen Krisenpotentiale die „reiche Welt“ entschieden für Lösungen zur Begrenzung der Ressourcennutzung und der weltweiten Umweltverschmutzungen aktiv werden wird. Dies kann im weltweiten Konsens oder durch Machteinsatz geschehen. Aus Sicht des Autors wird die Zukunft mit etwa 50 % Wahrscheinlichkeit in einem auf massivem Einsatz militärischer und anderer Macht beruhenden asymmetrischen Ansatz bestehen, der gemäß einer im Kern »großvaterartigen« Logik dem ärmeren Teil der Welt, in verdeckter oder gar offener Form, die Entwicklung erschwert und zugleich zur Verarmung von 80 % der Bevölkerung der reichen Länder führen wird (Brasilianisierung).

Das öko- oder ressourcendiktatorische Muster ist massiv asymmetrisch, ungerecht und unfair, es erzeugt massiven Hass, Ablehnung und Terror. Die Auseinandersetzung führt zum Rückbau der Bürgerrechte in den entwickelten Ländern. Die Kosten für »Heimatschutz« wachsen gewaltig. Die internationale Kooperation wird beeinträchtigt. Die Staaten und Regionen des Nordens stehen dabei insgesamt auf der besseren Seite, aber das ist nur ein relativer Vorteil, kein absoluter. Die Auswirkungen eventueller weltweiter Konflikte können extrem problematisch sein. Hier stellt sich dann die Frage einer Basis-Autonomie bzgl. der Grundversorgung in der Region als Verantwortung der Politik gegenüber den Menschen. Die unvermeidbare relative Verarmung von 80 % der eigenen Bevölkerung unter Bedingungen massiver Ressourcenknappheit und globaler Konflikte um den Zugang zu benötigten Ressourcen kommt als Problemfeld hinzu, ebenso eventuelle Bürgerrechtsauseinandersetzungen in den heute reichen Ländern bei einem sich möglicherweise verschärfenden Kampf gegen den Terror bzw. gegen den (nachvollziehbaren) Widerstand großer Bevölkerungskreise gegen diese Art von Politik in den entwickelten Ländern.

4.3 Ökosoziale Marktwirtschaft

Das ökosoziale Modell als Hoffnung

  • Durchsetzung von Standards
  • Co-Finanzierung von Entwicklung
  • Größerer Reichtum undgrößere Ausgeglichenheit
  • „Friedensdividende“
  • Nachhaltig und stabil

Als Ausweg erscheint der ökosoziale und im Kern ordoliberale Ansatz regulierter Märkte, wie er für Europa (soziale Marktwirtschaft) und die asiatischen Volkswirtschaften (Netzwerkökonomien) typisch ist. Dieses Modell wäre im Rahmen der Weltökonomie fortzuentwickeln [15, 16, 27]. Einen aktuellen Ansatz stellt ein Global Marshall Plan dar, der Strukturbildung und Durchsetzung von Standards mit der Co-Finanzierung von Entwicklung verknüpft. Dies wird weiter unten beschrieben.

Die Europäische Union beweist in ihren Ausdehnungsprozessen permanent die Leistungsfähigkeit dieses Ansatzes, der sich im Regionalen in den letzten Jahren durchaus auch in den alten EU-Ländern, insbesondere auch Deutschland und Österreich, positiv ausgewirkt hat. International sei ebenso auch auf das erfolgreiche Montrealer Protokoll verwiesen, das nach derselben Logik vereinbart wurde. Das heißt, mit dem Montrealer Protokoll erfolgte der Schutz des Ozonschirms der Erde durch entsprechende internationale Abkommen, die die Nutzung mehrerer Klassen von chemischen Substanzen, insbesondere FCKW-haltiger Substanzen, die die Ozonschicht bedrohten, immer stärker begrenzten. Die Zustimmung der sich entwickelnden Länder zu einem entsprechenden Abkommen wurde dadurch gesichert, dass die entwickelten Länder alle Umstellungskosten auf alternative technische Lösungen getragen haben.

Das europäische Modell ist in dieser Logik der wohl einzige erfolgversprechende Ansatz für Friedensfähigkeit und eine nachhaltige Entwicklung und steht in scharfem Kontrast zu dem marktradikalen Modell der Entfesselung der Ökonomie (Turbokapitalismus) ohne die weltweit verbindliche Durchsetzung einer Verantwortung für die Umwelt und das Soziale. Dabei ist zu beachten, dass es den Marktfundamentalisten gelungen ist, ihre Position über manipulierte Bilder tief in den Gehirnen vieler Menschen zu verankern [9]. Glücklicherweise erodiert diese Dominanzposition angesichts der Desaster, die in jüngerer Zeit weltweit sichtbar wurden. Bzgl. des dauernden Jubels über das Freihandelstheorem von Riccardo, ein Dogma der Marktfundamentalisten und Freihandelseuphoriker, sei auf die jüngst erfolgten Relativierungen durch die beiden Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, Paul A. Samuelson [29] (vgl. ergänzend auch G. Steingart, „Weltkrieg – Wohlstand [31]) und Joseph E. Stiglitz (mit Andrew Charlton) in „Fair Trade“ [33] hingewiesen. Begründungen für die Überlegenheit einer Ökosozialen Marktwirtschaft gegenüber Marktfundamentalismus werden offensichtlich, wenn man die systemischen Voraussetzungen von Wohlstand herausarbeitet [22]. Dies gibt eine Orientierung, worauf weltweit zu achten ist. Weltweit muss man tun, was in guten Staaten funktioniert, nicht, was noch nie in einem Staat funktioniert hat. Die Welt könnte viel reicher sein. Verwiesen sei hierzu auf die Zukunftsformel 10 ~> 4:34 des Autors [15, 16]. Sie besagt im Wesentlichen, dass die Welt bei richtiger Vorgehensweise in etwa 70 Jahren 10-mal so reich sein kann wie heute, wobei die heute reiche Welt etwa 4-mal so reich und die sich heute entwickelnden Länder etwa 34-mal so reich sein können. Die Bevölkerung in den ärmeren Teilen wächst dabei fast auf das Doppelte. Die soziale Balance auf dem Globus entspricht dann in etwa derjenigen heute in Europa. Die Ressourcenknappheit wird durch entsprechende Rechtezuordnungen, Preisentwicklungen, neue Technologien und andere Lebensstile bewältigt. Der zukünftige Lebensstil wäre dann sehr viel weniger ressourcenintensiv als heute. Hochwertige, kreative Dienstleistungen werden im Gegenzug sehr viel preiswerter.

5. Was macht ein Land reich? (vgl. [22])

Vor dem Hintergrund des Gesagten nähern wir uns der zentralen Frage, wo die Quellen von monetärem Reichtum tatsächlich liegen. Wir fragen nach der Wohlfahrt von Ländern und den systemischen Voraussetzungen dafür.

Zusammenfassend können mit einem systemischen Ansatz acht wesentliche zum Teil bereits genannte Elemente identifiziert werden, die von besonderer Bedeutung für den Reichtum eines Landes sind. Wohlstand ist demnach primär systemischer Natur und wird nicht hauptsächlich durch die Exzellenz einzelner »Wertschöpfer« generiert.

Dies ist in dem Sinne gemeint, dass ein massiver Einbruch bei jedem der nachfolgend genannten acht Punkte zur Folge hat, dass der Reichtum verloren geht, ungeachtet dessen, ob die anderen sieben Punkte erfüllt sind oder nicht, während in einer empirischen Betrachtung alle Länder, bei denen alle acht Punkte gleichzeitig gegeben sind, reich sind.

Die acht Aspekte sind:

  • ein gut funktionierendes, leistungsfähiges Governance-System — hierzu gehören insbesondere auch die Rolle und Funktionsbeiträge der Regionen innerhalb der EU, das Subsidiaritätsprinzip etc.
  • exzellent ausgebildete und geeignet orientierte und motivierte Menschen — Schlagworte wie „Brain-drain“ und „Brain-drain-back“ und die Bedeutung eines durchgängigen und durchlässigen Ausbildungssystems und lebenslanges Lernen sind hier zu nennen.
  • hervorragende Infrastrukturen auf internationalem Niveau — Infrastruktur ist dabei nicht nur im herkömmlichen Sinn zu verstehen, sondern beinhaltet auch technologische Infrastruktur zur innovationsorientierten Unternehmensentwicklung und Flächenbevorratung.
  • ein hervorragender Kapitalstock, also Industrieanlagen, Maschinen, Rechner etc.
  • Zugriff auf benötigte Ressourcen im weitesten Sinne, also zum einen Wasser, Nahrung, Energie, aber auch bestimmte Metalle, Reinst-Chemikalien etc.
  • ein leistungsfähiges Finanzsystem, also stabiles Geld, Kreditmöglichkeiten, ein funktionierender Finanzmarkt etc.
  • eine leistungsfähige Forschung und international konkurrenzfähige Innovationsprozesse — Anziehungskraft als Standort im Sinne von »Unternehmer-/ Managerimport«, Ideenimport, Chancenklima.
  • eine enge Einbettung der Unternehmen und Menschen in weltweite Wertschöpfungsnetzwerke – Internationalität der Ökonomie

 

6. Aktuelle Probleme europäischer Politik: die Bedeutung eines situativen Vorgehens (Doppelstrategie)

Der beschriebene Hintergrund einer globalen marktradikalen Entfesselung hat schwerwiegende Auswirkungen auf die Möglichkeiten von Politik in Europa und ebenso die Möglichkeit von Unternehmen im weltweiten Wettkampf um Kunden und Märkte [17, 18, 21]. Die Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit Europas unter den bestehenden weltweiten Rahmenbedingungen zwingt auch die Europäer immer stärker dazu, sich der Logik des marktradikalen, entfesselten Wirtschaftsmodells zu unterwerfen, auch weit über einen sicher ebenfalls erforderlichen, vernünftigen Umfang an Deregulierung hinaus. Das vielleicht größte Problem besteht darin, dass globale Akteure unter dem Aspekt der Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit auch bei uns nicht mehr adäquat besteuert werden können. Dies gilt übrigens auch für viele gut verdienende Steuerzahler. Anders betrachtet muss eingesetztes Eigenkapital mit überzogenen Renditen bedient werden, da dieses sonst an andere Standorte ausweicht. Steueroasen, Off-shore-Bankplätze, und manche Sonderentwicklungszonen sind Teil des Problems. Hier ist eine weltweite Koordination zwischen den entwickelten Staaten erforderlich, um diese Missstände ein für alle Mal auszuschalten.

Die Folgen dieser Prozesse sind in Europa zunehmend zu beobachten und zwar in Form des Rückbaus der Sozialsysteme, Privatisierung von Gemeingütern, Rückbau im Gesundheitsbereich sowie ein Rückbau der breiten Ausbildung der gesamten Bevölkerung, die bisher noch auf das Ziel der vollen Entfaltung aller humanen Potentiale ausgerichtet ist. Hier geschickt gegenzuhalten, ist ein wichtiges Anliegen für Europa im Allgemeinen und eine gedeihliche Regionalpolitik im Besonderen.

Situatives Handeln / Doppelstrategie

In der beschriebenen Situation ist ein situatives Handeln, eine Doppelstrategie à la Nato-Doppelbeschluss erforderlich [16, 21]. Ein solches Handeln besteht darin, einerseits gegenüber den Bürgern deutlich zu machen, wie aktuelle Globalisierungsprozesse sozialen Rückbau und zunehmende Unterlaufung ökologischer Standards zur Folge haben und anderseits konsequent an besseren weltweiten Rahmenbedingungen zu arbeiten, um diese inakzeptable Situation baldmöglichst durch internationale Abkommen zu überwinden.

Ein Sofortprogramm für die Politik in Europa

Eine »Intelligente doppelstrategische Verteidigungslinie« in Europa zur Bewältigung der aktuellen Probleme vor dem Hintergrund der Globalisierung ist aufgrund des Gesagten das Ziel. Dies erfordert:

  • Anstrengungen für ein vernünftiges Design der globalen Ökonomie (aktive Globalisierungsgestaltung [24]). Zu denken ist hier an einen Global Marshall Plan (www.globalmarshallplan.org) zur Umsetzung der Millenniumsziele der Vereinten Nationen (www.un.org/millenniumgoals/) bis 2015 und mittelfristig die Erreichung einer weltweiten Ökosozialen Marktwirtschaft. Hierauf wird unten eingegangen.
  • Organisation intelligenter Verteidigungsprozesse in Deutschland und Europa, solange ein vernünftiges weltweites Ordnungsregime noch nicht implementiert ist (vgl. ergänzend auch www.bwa-deutschland.de).

 

7. Eine Doppelstrategie für die Versicherungswirtschaft

Doppelstrategie für die Versicherungswirtschaft

  • Umgang mit einem Gefangenendilemma
  • Sich auf 3 Zukünfte einstellen
  • „Mehrere Bälle in der Luft halten“
  • Risikobeherrschung in schwierigen Zeiten
  • Politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Aspekte bedenken
  • In Märkten überleben, aber gleichzeitig für eine bessere Governance argumentieren

 

Die Situation für die Versicherungswirtschaft ist besonders schwierig. Teilweise müssen in Verträgen Zahlungsverpflichtungen über 50 und mehr Jahre überbrückt werden. Das ist Langfristorientierung pur in einer Welt, die immer hektischer auf Kurzfristeffekte setzt. Die Versicherungswirtschaft muss hier wie die staatliche Seite dagegenhalten und einen entfesselten weltökonomischen Prozess wieder unter Kontrolle zu bringen versuchen. Das geht sicher nur in einer europäischen bzw. globalen Perspektive. Aufgrund des Gesagten muss man sich dabei gleichzeitig auf drei Zukünfte einstellen, nämlich Kollaps, Ressourcendiktatur/Brasilianisierung oder das ökosoziale Modell, wobei nur das letzte Modell mit Nachhaltigkeit kompatibel ist. Alle Aktionen müssen unter Status quo-Bedingungen erfolgen, unter denen teilweise im Markt das Falsche honoriert wird und auch eine Weltfinanzmarktkrise oder Weltwirtschaftskrise nicht auszuschließen ist. Dies ist eine typische Situation eines Gefangenendilemmas (Prisoner´s Dilemma) im Sinne der mathematischen Spieltheorie. In einer solchen Situation wird das Falsche belohnt. Und wenn dadurch zum Schluss auch alle verlieren, sind die Anreize doch so, dass sich für jeden das Falsche lohnt, nicht das Richtige. Diese Situation lässt sich nur durch geeignete vertragliche Lösungen überwinden. Der Weg dahin erfordert die Fähigkeit dazu, das eigentlich „Falsche“ zu tun, aber zugleich für Verträge zur Ermöglichung des Richtigen einzutreten. Der NATO-Doppelbeschluss ist ein gutes Beispiel für das, was erforderlich ist.

Das Gesagte erfordert auch für die Versicherungswirtschaft einen doppelstrategischen Ansatz. Zur Not auch das Falsche tun, um zu überleben, gleichzeitig an Bedingungen arbeiten, die mit langfristiger Stabilität und Nachhaltigkeit kompatibel sind. Das erfordert insbesondere eine bessere Governance: weltweit, aber auch in jedem Staat und genauso auf Seiten der Unternehmen. Wichtig ist dabei, soweit wie möglich alle drei Zukünfte gleichzeitig im Blick haben und dabei politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Aspekte simultan zu bedenken. Das ist Risikobeherrschung in schwierigen Zeiten. Man muss mehrere Bälle gleichzeitig in der Luft halten. Dabei ist auch zu überlegen, was die jeweiligen Szenarien ökonomisch bedeuten. So könnte eine Kollapssituation zwar furchtbar sein und in einen Staatsnotstand führen, die Versicherungswirtschaft aber vielleicht von Zahlungsverpflichtungen befreien. Brasilianisierung bedeutet sehr wahrscheinlich ein besseres Geschäft mit den Gewinnern des Prozesses, schlechtere Geschäfte mit der Normalbevölkerung. Darin liegen – in einer rein betriebswirtschaftlichen Betrachtung – Chancen und Risiken. Dies gilt auch für unregulierte Finanzmärkte, wenn man sich darin kompetent beteiligen kann. Richtig unangenehm könnten allerdings Situationen werden, die eine politische Radikalisierung an den Rändern, u. U. auch bürgerkriegsähnliche Zustände, zur Folge haben. Der Autor empfiehlt der Versicherungswirtschaft vor diesem Hintergrund ein Sofortprogramm, das aus folgenden zwei Dimensionen besteht:

Ein Sofortprogramm

  • Global Marshall Plan unterstützen
  • Für ein besseres globales institutionelles Design eintreten
  • Corporate Governance Regeln besser verankern, insbesondere in der OECD
  • Bessere Regulierung der Kapitalmärkte fördern
  • Informationstechnische “Aufrüstung“ weitertreiben
  • Mehr in Wissen und Verstehen investieren
  • Sich und uns intelligenter verteidigen

(1) Internationale Dimension: Eintreten für ein besseres, globales institutionelles Design. Strikte Verankerung von Corporate Governance Regeln, insbesondere auf der OECD-Ebene. Bessere Regulierung der Kapitalmärkte fördern und als Sofortprogramm die Global Marshall Plan Initiative unterstützen. Hinweise zu dieser Initiative folgen anschließend.
(2) Unternehmen: Auf der Seite der Unternehmen ist weiterhin informationstechnische Aufrüstung angesagt. Es gilt, mehr in Wissen und Verstehen zu investieren, gerade auch, was wenig thematisierte Zukunftsszenarien wie Kollaps und Brasilianisierung anbelangt. Eine so leistungsfähige Branche wie die deutsche Versicherungswirtschaft sollte mit mehr Nachdruck darangehen, sich und uns intelligenter zu verteidigen. Dazu müssen standardökonomische Theorien hinterfragt werden. Ferner ist in Zeiten der Globalisierung der Globus als Ganzes mit ausreichender Empathie in den Blick zu nehmen. Und es gilt der Versuchung zu widerstehen, auf kurzfristige Mitnahmeeffekte zu setzen.


8. Die Global Marshall Plan Initiative – ein tragfähiges Programm für einen neuen Anfang auf weltpolitischer Ebene [19]

Massive und wachsende Armut, Spannungen zwischen Kulturen und ein zunehmendes ökologisches Desaster erzwingen heute einen neuen Ansatz. Die Probleme, deren Zeuge wir sind, haben mit historischen Entwicklungen, mit unglücklichen Umständen aber z. T. auch mit einem unfairen globalen Design zu tun. Die bestehenden institutionellen Asymmetrien, die Machtdifferenzen und die Unterschiede bzgl. des Zugriffs auf Ressourcen wurden in ein weltökonomisches Design übersetzt, das systematisch die Mächtigen bevorteilt und die Armen ausplündert. Hier sind Veränderungen bzgl. des globalen institutionellen Designs in Richtung auf eine faire globale Governancestruktur nötig, die allen Menschen volle Partizipation ermöglicht. Der britische Schatzkanzler Gordon Brown sprach in diesem Kontext vor kurzem von freiem und fairem Handel („We need to be more fair“, Newsweek, 18. September 2006) und der frühere US-Vizepräsident Al Gore äußerte sich vor kurzem anlässlich eines Vortrags an der Stanford University vor einigen tausend Studenten der Wirtschaftswissenschaften wie folgt:

“Wir brauchen heute einen Global Marshall Plan, um die Welt zu retten und Milliarden besitzlosen Menschen die Möglichkeit zu geben wirklich an der Wirtschaft teilzuhaben. Bedenken Sie, dass das Richtige richtig bleibt, auch wenn niemand das Richtige tut. Und das Falsche falsch bleibt, auch wenn alle es tun.”

Gleichzeitig ist auch eine Veränderung im Denken und in der Wahrnehmung erforderlich. Wir brauchen Entwicklung und Veränderungen in allen Ländern. Der Norden ist nicht einfach das Modell, dem man folgen muss. Nord und Süd könnten beide voneinander lernen, um gemeinsam einen Weg in die Zukunft zu finden, der nachhaltig ist. Ein gemeinsamer Lernprozess, der in einen fairen globalen Vertrag münden sollte, ist der richtige Weg in die Zukunft.

Ein Global Marshall Plan/Planetarischer Vertrag, d. h. ein Konzept für eine Welt in Balance, wie er im Folgenden beschrieben wird, ist eine Antwort auf diese Situation. Es ist dies ein Design, das die Nöte aller Menschen auf diesem Globus adressiert, ein Konzept der Balance.

Die Wertebasis für eine weltweite Balance

Das vorliegende Konzept für eine Welt in Balance ist das Konzept der Global Marshall Plan Initiative (www.globalmarshallplan.org). Es basiert auf ethischen und moralischen Grundprinzipien, die von den Religionen der Welt in Form eines „Weltethos“ [7, 8] und der interkulturellen philosophischen Bewegung in Form eines „interkulturellen Humanismus“ geteilt werden und ist zugleich inspiriert durch die Erdcharta. Es favorisiert Prinzipien der Gerechtigkeit und insbesondere die Goldene Regel der Reziprozität: „Was Du nicht willst was man Dir tut, das füg auch keinem andern zu.“ Im Sinne der oben vertretenen weltethischen Ausrichtung resultiert daraus die Notwendigkeit einer ökologischen und sozio-kulturellen Ausrichtung jedes verantwortlichen und ethisch tragfähigen Handelns auf dem Globus.

Das Konzept für eine Welt in Balance besteht aus fünf fest miteinander verknüpften strategischen Eckpfeilern – der raschen Umsetzung der Millenniumsentwicklungsziele der Vereinten Nationen, wozu im Zeitraum 2008-2015 mit Bezug auf das Niveau der Entwicklungsförderung und Kaufkraft 2004 im Mittel 100 Milliarden US$ pro Jahr zusätzlich für Entwicklungsförderung aufgewendet werden müssen, finanziert u. a. durch globale Abgaben. Dies sind etwa 70 Milliarden USD pro Jahr mehr, als heute für diesen Zeitraum, vor allem durch die Europäische Union, bereits als zusätzliche Mittel zugesagt sind. Über die Verwirklichung der Millenniumsentwicklungsziele hinaus geht es in Form der Co-Finanzierung von Entwicklung in Verbindung mit einem geeigneten weltweiten institutionellen Design um die Realisierung erster Schritte in Richtung auf eine weltweite Ökosoziale Marktwirtschaft. Auf diesem Wege soll eine faire weltweite Partnerschaft verwirklicht werden. Integrativer Bestandteil des Konzepts sind die Förderung von Good Governance auf allen gesellschaftlichen Ebenen und koordinierte und kohärente Formen basisorientierter Umsetzung von Entwicklungszusammenarbeit. Diese fünf Kernziele werden im Folgenden aufgelistet.

(1) Rasche Verwirklichung der weltweit vereinbarten Millenniumsentwicklungsziele der Vereinten Nationen als Zwischenschritt zu einer gerechten Weltordnung und zu nachhaltiger Entwicklung.

(2) Aufbringung von durchschnittlich 100 Mrd. US$ pro Jahr zusätzlich im Zeitraum 2008-2015 für Entwicklungszusammenarbeit. Dies ist im Vergleich zum Niveau der Entwicklungsförderung und Kaufkraft 2004 zu sehen. Zusätzliche Mittel in mindestens dieser Höhe sind zur Verwirklichung der Millenniumsentwicklungsziele und damit unmittelbar zusammenhängender Weltgemeinwohlanliegen erforderlich und ausschließlich für diesen Zweck einzusetzen.

(3) Faire Mechanismen zur Aufbringung der benötigten Mittel. Die Global Marshall Plan Initiative unterstützt das angestrebte 0,7-Prozent-Finanzierungsniveau für Entwicklungszusammenarbeit auf Basis nationaler Budgets. Doch selbst bei optimistischer Annahme werden in den nächsten Jahren erhebliche Volumina im Verhältnis zu dem für die Erreichung der Millenniumsentwicklungsziele erforderlichen Mittelbedarf fehlen. Deshalb und aus ordnungspolitischen Gründen soll ein wesentlicher Teil der Mittel zur Verwirklichung der Millenniumsziele über Abgaben auf globale Transaktionen und den Verbrauch von Weltgemeingütern aufgebracht werden.

(4) Schrittweise Realisierung einer weltweiten Ökosozialen Marktwirtschaft und
Überwindung des globalen Marktfundamentalismus durch Etablierung eines besseren Ordnungsrahmens der Weltwirtschaft. Dies soll im Rahmen eines fairen Weltvertrages geschehen. Dazu gehören Reformen und eine Verknüpfung bestehender Regelwerke und Institutionen für Wirtschaft, Umwelt, Soziales und Kultur (z. B. in den Regelungsbereichen UN, WTO, IWF, Weltbank, ILO, UNDP, UNEP und UNESCO).

(5) Voraussetzung zur Erreichung eines vernünftigen Ordnungsrahmens sind eine faire partnerschaftliche Zusammenarbeit auf allen Ebenen und ein adäquater Mittelfluss. Die Förderung von Good Governance, die Bekämpfung von Korruption und koordinierte und basisorientierte Formen von Mittelverwendung werden als entscheidend für eine selbstgesteuerte Entwicklung angesehen.

Mit dem Global Marshall Plan liegt ein Konzept vor, wie eine Zukunft in Balance erreicht werden kann. Die zunehmende Unterstützung für diesen Ansatz gibt Hoffnung, aber der Weg, der vor uns liegt, ist noch lang.


Literaturempfehlungen

(im Themenumfeld Global Marshall Plan und Ökosoziale Marktwirtschaft)

1. Alt, F., Gollmann, R., Neudeck, R.: Eine bessere Welt ist möglich – Ein Marshallplan für Arbeit, Entwicklung und Freiheit, Riemann Verlag, München, 204, ISBN 3-570-50069-1
2. Diamond, Jared: Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2005
3. Glotz, P.. Die beschleunigte Gesellschaft – Kulturkämpfe im digitalen Kapitalismus. Rowohlt Verlag, April 2001
4. Jarass, L. und G. M. Obermaier: Wer soll das bezahlen? Metropolis Verlag, 2002
5. Jarass, L. und G. M. Obermaier: Geheimnisse der Unternehmenssteuern, Metropolis Verlag, 2003
6. Kapitza, S.: Population Blow-up and after. Report to the Club of Rome and the Global Mar-shall Plan Initiative, Hamburg, 2005, ISBN 5-02-033528-2
7. Küng, H.: Projekt Weltethos, 2nd ed., Piper, 1993
8. Küng, H. (ed.): Globale Unternehmen – globales Ethos. Frankfurter Allgemeine Buch, Frankfurt, 2001
9. Lakoff, G.: Don’t Think of an Elephant! Know Your Values and Frame the Debate. The Essential Guide for Progressives. Chelsea Green Publishing, Whit River Junction, Vermont, USA, 2004
10. Layard, R.: Die Glückliche Gesellschaft – Kurswechsel für Politik und Wirtschaft, Campus Verlag GmbH, Frankfurt/Main, 2005, ISBN 3-593-37663-6
11. Mesarovic, M., R. Pestel, F. J. Radermacher: Which Future?, Contribution to EU Projekt Terra (www.terra2000.org), 2003
12. Müller, A.: Die Reformlüge – 40 Denkfehler, Mythen und Legenden, mit denen Politik und Wirtschaft Deutschland ruinieren. Knaur Taschenbuch Verlag, 2005
13. Neirynck, J.: Der göttliche Ingenieur. expert-Verlag, Renningen, 1994
14. Pestel, R., F. J. Radermacher: Equity, Wealth and Growth: Why Market Fundamentalism Makes Countries Poor. Manuscript to the EU Projekt TERRA 2000, FAW, 2003
15. Radermacher, F. J.: Die neue Zukunftsformel. bild der wissenschaft, Heft 4/2002, S. 78-86, April 2002
16. Radermacher, F.J.: Balance oder Zerstörung: Ökosoziale Marktwirtschaft als Schlüssel zu einer weltweiten nachhaltigen Entwicklung. Ökosoziales Forum Europa (ed.), Wien, August 2002, ISBN: 3-7040-1950-X
17. Radermacher, F.J.: Die Zukunft der Wirtschaft: Nachhaltigkeitskonformes Wachstum, sozialer Ausgleich, kulturelle Balance und Ökologie. Tagung des Universitäts.Clubs Klagenfurt, Abbazia di Rosazzo, Friaul/Italien, 2003
18. Radermacher, F.J.: Perspektiven für den Globus – welche Zukunft liegt vor uns? Festvortrag bei der Eröffnung der Intergeo, Hamburg, September 2003. zfv – Zeitschrift für Geodäsie, Geodateninformation und Landemanagement, Teil 1 in Heft 3/2004, 129. Jg., Juni 2004 Teil 2 in Heft 4, S. 242-248, 2004
19. Radermacher, F.J.: Global Marshall Plan / Ein Planetary Contract. Für eine weltweite Öko-soziale Marktwirtschaft. Ökosoziales Forum Europa (ed.), Wien, September 2004, ISBN 3-9501869-2-1
20. Radermacher, F.J.: Ökosoziale Grundlagen für Nachhaltigkeitspfade – Warum der Marktfundamentalismus die Welt arm macht. GAIA 13, Nr. 3, 170-175, 2004
21. Radermacher, F.J.: Der Standort Deutschland im Kontext der Globalisierung: Herausforderung für Menschen, Unternehmen und die Politik, 2005.
22. Radermacher, F.J.: Was macht Gesellschaften reich? Die Infrastruktur als wesentlicher Baustein. In: Infrastruktur für eine nachhaltige Entwicklung (R. Loske, R. Schaeffer, eds.), Metropolis Verlag, Marburg, 2005
23. Radermacher, F.J.: Globalisierung und Mittelstand: Warum eine falsch laufende Globalisierung soziale Demokratien unter Druck setzt. Festrede anlässlich des SPD-Wirtschaftsempfangs, Berlin, 2005
24. Radermacher, F.J.: Globalisierung gestalten – Die neue zentrale Aufgabe der Politik. Terra Media Verlag, Berlin, 2006
25. Radermacher, F.J., S. Wehsener: Musical „The Globalization Saga – Balance or Destruction – Balance oder Zerstörung“. Ulm, 2003. Storybook (ISBN 3-89559-260-9),
Video / DVD und CD bestellbar über Fax 0731 50-39111 oder
radermacher@faw-neu-ulm.de
26. Riegler, J.: Antworten auf die Zukunft, Ökosoziale Marktwirtschaft 1990, Adolf Holzhausens Nfg., Wien, ISBN 3- 900-518-05-X
27. Riegler, J., F.J. Radermacher: Global Marshall Plan: Balance the world with an Eco-Social Market Economy. Ökosoziales Forum Europa, Wien und Global Marshall Plan Initiative, Hamburg, 2004
28. Sabet, H.: Globale Maßlosigkeit – Der (un)aufhaltbare Zusammenbruch des weltweiten Mittelstands, Ein Report an die Global Marshall Plan Initiative, Patmos Verlag GmbH &amp Co. KG, Düsseldorf, 2005
29. Samuelson, P. A.: „Where Ricardo and Mills rebut and confirm arguments of mainstream economists supporting globalization“, Journal of Economic Perspectives 18, 2004, S. 135 – 146
30. Spiegel, P.: Faktor Mensch – Ein humanes Weltwirtschaftswunder ist möglich, Ein Report an die Global Marshall Plan Initiative, Horizonte Verlag GmbH, Stuttgart, 2005, ISBN 3-89483-103-0
31. Steingart, G.: Weltkrieg und Wohlstand. Wie Macht und Reichtum neu verteilt werden. Piper, 2006
32. Stiglitz, J. E.: Die Chancen der Globalisierung, Siedler Verlag, München, 2006
33. Stiglitz, J. E., Charlton A.: Fair Trade – Agenda für einen fairen Welthandel, Murmann Verlag, September 2006
34. von Weizsäcker, E.U., Young, O.R., Finger, M.: Limits to Privatization – How to Avoid Too Much of a Good Thing. Earthscan Publications Ltd., 2005
35. Wuppertal Institut für Umwelt, Klima, Energie (Hrsg.): Fair Future – Begrenzte Ressourcen und globale Gerechtigkeit. C. H. Beck, 2005, ISBN 3-406-52788-4

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Fachvortrag

Entgrenzte Märkte, entfesseltes Kapital

Vortrag Prof. Dr. Dr. Franz Josef Radermacher

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