08.11.2006
Functional Food

Von Wundermitteln in Lebensmitteln

Probiotische Joghurts oder mit Vitaminen angereicherte Säfte werden in Werbespots oder im Supermarktregal als Ausgleich für schlechte Ernährungsgewohnheiten angepriesen: Sie regulieren angeblich Blutdruck und Zuckerspiegel, senken Blutfettwerte und steigern das körperliche und seelische Wohlbefinden. Aber wer garantiert, dass diese funktionellen Lebensmittel, auch „Functional Food“ genannt, tatsächlich die Gesundheit der Kunden fördern?

Das Wundermittel steht einfach so im Regal. Kein Beipackzettel, kein Wort zu Risiken oder Nebenwirkungen und erst recht kein Hinweis, doch mal Arzt oder Apotheker zu konsultieren. Dafür jede Menge Versprechungen: Gut für die Verdauung soll das Mittelchen sein. Das Immunsystem soll es stärken. Und sogar vor Darmkrebs soll es schützen. Ein jeder kann zugreifen. Das Wundermittel hat einen simplen Namen. Es nennt sich Joghurt, probiotischer Joghurt, um genau zu sein, und es gehört zur rasant wachsenden Gruppe sogenannter funktioneller Lebensmittel. Die neuartige Nahrung, auch „Functional Food“ genannt, soll mehr als nur satt machen. Dank gezielt beigemischter Zusatzstoffe – im Fall des Joghurts sind es lebende Mikroorganismen – soll sie auch positive Auswirkungen auf die Gesundheit haben.

Der Markt boomt. Während die konventionelle Lebensmittelbranche stagniert, können sich Hersteller von Functional Food Jahr für Jahr über ein zweistelliges Umsatzwachstum freuen. Jeder achte Joghurt ist mittlerweile probiotischer Natur. Der Absatz von ACE-Säften, denen künstlich das Provitamin A sowie die Vitamine C und E zugesetzt werden, ist zwischen 1996 und 2002 von neun auf 226 Millionen Liter geklettert – allein in Deutschland. Weltweit wird das Marktvolumen funktioneller Lebensmittel auf mehr als 70 Milliarden Euro geschätzt. Einen Marktanteil von bis zu 50 Prozent halten Experten in Zukunft für realistisch.

Und das, obwohl derzeit niemand sagen kann, wie manche der neuen Nahrungsmittel genau wirken. Vielleicht helfen sie dem Körper, vielleicht bringen sie aber auch gesundheitliche Risiken mit sich. Für die Versicherer ist das nicht unproblematisch. „Sobald sich die Risikolandschaft verändert, müssen wir uns mit den neuen Problemen beschäftigen“,sagt Wolfgang Fraenk, Consultant bei der Münchner Firma AssTech. Die Tochter des Rückversicherers Swiss Re befasst sich im Rahmen ihrer Risk-Management-Dienstleistungen auch mit zukunftsbezogenen Risiken. Und Functional Food fällt für Fraenk eindeutig in die Kategorie dieser „Emerging Risks“.

Dabei ist gegen gesunde Ernährung erst einmal nichts einzuwenden. Im Gegenteil: Bis zu zwei Drittel der Sterbefälle in Deutschland lassen sich auf Erkrankungen zurückführen, die durch falsche Ernährung entstanden sind. Diabetes vom Typ II, Schädigungen der Herzkranzgefäße, aber auch viele Krebserkrankungen stehen in einem direkten Zusammenhang mit falscher, weil schlechter Nahrung.

Bereits in den Achtzigerjahren haben japanische Lebensmittelhersteller daher begonnen, in großem Maßstab Functional Food auf den Markt zu bringen. Die Zusatzstoffe – Omega-3-Fettsäuren im Brot, Milchsäurebakterien im Joghurt, Styrole in der Margarine – sollen den Blutdruck und den Zuckerspiegel regulieren, die Blutfettwerte senken und das Körpergewicht auf ein akzeptables Niveau bringen. Sie sollen schlechte Ernährungsgewohnheiten ausgleichen, das körperliche und seelische Wohlbefinden steigern, die Gesundheit erhalten und verbessern und im Idealfall sogar das Leben verlängern.

„Doch überall, wo es eine gewollte Wirkung gibt, treten häufig auch unerwünschte Nebenwirkungen auf“, sagt Fraenk. Ganz besonders, wenn Konsumenten – gemäß dem Motto „viel hilft viel“ – blindlings auf Functional Food vertrauen. So versuchen einige Raucher, ihr gesundheitliches Risiko durch Vitaminprodukte zu mindern. Den Stoffen, darunter das Provitamin A (Betacarotin), wird eine gewisse Schutzfunktion nachgesagt. Werden sie jedoch über mehrere Jahre hinweg in sehr hohen Dosen eingenommen – zum Beispiel in ACE-Drinks verbunden mit Vitamin-A-Ergänzungsmitteln –, erkranken Raucher Studien zufolge noch häufiger an Lungenkrebs. Eine Schutzfunktion von Betacarotin konnte dagegen nicht nachgewiesen werden.

Auch Vitamin E, dessen angeblich antioxidative Wirkung vor Zellschäden, Krebs, Alzheimer und Herzerkrankungen schützen soll, ist umstritten: Wird es regelmäßig in unnatürlich hohen Dosen aufgenommen, kann es bei älteren Menschen auf lange Sicht das Sterberisiko erhöhen. Das Gleiche gilt für viele andere Zusatzstoffe: Vitamin D, das unter anderem Brot und Müsliriegeln zugesetzt wird, kann die Knochen entkalken, der Blutkalzium-Spiegel steigt. Die Folgen reichen von Erbrechen, Durchfall, Kopf- und Gelenkschmerzen bis zu Nierenversagen durch Kalkablagerungen. Übermäßige Mengen an Vitamin A können zu nervöser Reizbarkeit, Schwindel und Schleimhautblutungen führen, über längere Zeit drohen schmerzhafte Schwellungen der Haut, Knochen-und Gelenkschmerzen. Eine Überdosierung von Vitamin A in der Schwangerschaft kann sogar zu Missbildungen des Kindes führen.

Dänemark hat bereits auf die Gefahr der Vitamin-Überversorgung reagiert, berichtet Fraenk. So hätten Behörden im August 2004 einem Hersteller die Erlaubnis verweigert, mit Vitaminen angereicherte Cerealien auf den Markt zu bringen. Insbesondere die Angst, dass Kinder beim Verzehr gesundheitliche Probleme bekommen könnten, habe zu dem Verbot geführt.

„Letztlich sind alle Wirkstoffe nur in einem definierten Mengenbereich gesundheitsverträglich“, erklärt Fraenk. „Wird ein Schwellenwert überschritten, kann das schnell die gegenteiige Wirkung zur Folge haben.“ Besonders problematisch wird das, wenn unterschiedliche Lebensmittel konsumiert werden, die alle mit demselben funktionellen Zusatzstoff angereichert sind. Ein weiteres Problem: Der Schwellenwert unterscheidet sich von Mensch zu Mensch. Und mitunter reichen schon kleinste Mengen eines Zusatzstoffs, um Lebensmittelallergien auszulösen.

Die Wirkung der Stoffe hängt aber nicht nur von der Dosis ab. Auch die Art der Lebensmittel, in die sie gemischt werden, spielt eine Rolle. Abhängig von deren biologischen oder chemischen Strukturen kann es zu unabsehbaren Wechselwirkungen kommen, mitunter erhöht sich sogar die Bioaktivität der Zusatzstoffe. „Es erscheint deshalb erforderlich, nicht nur den funktionellen Inhaltsstoff selbst, sondern auch die Wechselwirkung mit möglichen traditionellen Lebensmitteln in die Sicherheitsprüfung einzubeziehen“, sagt Fraenk.

Doch weder über mögliche Wechselwirkungen noch über die Langzeitwirkung der Inhaltsstoffe ist bislang viel bekannt. Wissenschaftliche Studien, die vor der Markteinführung in Auftrag gegeben werden, könnten zumindest in gewissem Rahmen Aufklärung bringen – in den meisten Ländern sind sie allerdings nicht vorgeschrieben. Folglich werden sie nicht in Auftrag gegeben.

Aber auch die Frage, ob Functional Food überhaupt in der Lage ist, ernährungsbedingte Krankheiten zu vermeiden, wird unter Medizinern derzeit kontrovers diskutiert. „Einigkeit besteht allenfalls darin, dass bei einer ausgewogenen Lebensmittelaufnahme in den meisten Fällen auf Functional Food verzichtet werden kann“, sagt AssTech-Experte Fraenk. Wer sich einigermaßen gesund ernährt, nehme – zumindest in der westlichen Welt – bereits genügend Nährstoffe und Vitamine zu sich. „Dennoch verdammen wir auf keinen Fall irgendwelche Produkte“, sagt Fraenk. Ausgewählte Personengruppen könnten von Functional Food tatsächlich profitieren – vorausgesetzt, der Konsum erfolgt gezielt und berücksichtigt bekannte Risiken.

„Nahrung soll eure Medizin und Medizin eure Nahrung sein“, hat Hippokrates, der Begründer der wissenschaftlichen Medizin, bereits vor 2400 Jahren gefordert. Was wie eine Werbung für Functional Food klingt, ist mit dem modernen Rechtsverständnis allerdings kaum in Einklang zu bringen: Die heutige Rechtsauffassung unterscheidet strikt zwischen Arzneimittel- und Lebensmittelgesetz. Demnach sind Lebensmittel dazu da, „in unverändertem, zubereitetem oder verarbeitetem Zustand vom Menschen verzehrt zu werden“. Arzneimittel dagegen sollen „Krankheiten, Leiden, Körperschäden oder krankhafte Beschwerden heilen, lindern, verhüten oder erkennen“.

Functional Food liegt irgendwo dazwischen. Es macht satt, aber es heilt auch – und genau das macht seine rechtliche Beurteilung so kompliziert: Würden sie als Medikamente eingestuft, müssten die Lebensmittel in langwierigen wissenschaftlichen Studien getestet und zugelassen werden – eine teure und somit undenkbare Prozedur. Würden sie als reine Lebensmittel verkauft, fehlt dagegen die Aufklärung über Nebenwirkungen und Unsicherheiten bei der Dosierung. „Deshalb“, sagt Fraenk, „wäre ein spezielles Gesetz für funktionelle Lebensmittel sinnvoll.“ Noch kritischer wird es, sobald mit der gesundheitsfördernden Wirkung geworben werden soll. Streng genommen ist es in Deutschland nicht einmal erlaubt, die cholesterinsenkende Wirkung einer Margarine anzupreisen – selbst wenn diese in wissenschaftlichen Studien belegt ist. Schwammigere Formulierungen gehen dagegen durch, auch wenn Slogans wie „Dieser Joghurt unterstützt die Immunabwehr“ rechtlich in einer Grauzone liegen.

Um solche Unklarheiten zu beseitigen, hat sich die Europäische Kommission im Mai darauf verständigt, künftig in der Werbung nur noch wissenschaftlich fundierte „Health Claims“ zuzulassen. Der Regulierungsentwurf sieht vor, dass mit Aussagen wie „senkt den Cholesterinspiegel“ oder „reduziert das Knochenschwundrisiko“ nur geworben werden darf, wenn die Slogans durch „allgemein anerkannte wissenschaftliche Daten“ belegt werden können. Andere, schwerwiegendere Probleme der funktionellen Lebensmittel, darunter das Fehlen einer klaren, rechtlich verbindlichen Definition, werden durch die europäische Verordnung allerdings nicht gelöst.

Die Rechtslage bleibt unklar, und daher sind auch die Auswirkungen auf die Versicherungsbranche kaum absehbar. Fest steht für Fraenk jedenfalls: Functional Food hat ein nicht zu vernachlässigendes Schadenpotenzial, das vor allem Haftpflichtversicherer im Bereich der Produkthaftpflicht treffen könnte. Wenn Zusatzstoffe unerwünschte Neben- oder Wechselwirkungen entfalten, wenn Risikogruppen wie Schwangere, Raucher oder Kleinkinder zu große Mengen Functional Food konsumieren, wenn Schäden infolge mangelnder Aufklärung oder irreführender Werbung entstehen, könnten die Haftpflichtversicherer gefragt sein. Ein zusätzliches Risikopotenzial birgt in Fraenks Augen die Tatsache, dass Functional Food nach wie vor wie ein normales Lebensmittel vertrieben wird und die gesundheitlichen Auswirkungen nicht für jeden Konsumenten abschätzbar sind.

„Ein wichtiger Faktor wird sein, ob ein kausaler Zusammenhang zwischen der Einnahme von Functional Food und einer Schädigung festgestellt werden kann“, erklärt der AssTech-Experte. Nicht zuletzt aufgrund der Vielzahl konsumierter Zusatzstoffe könnte eine derartige Beweisführung „sehr schwierig“ werden. Noch ist unklar, ob in Europa Konsument oder Hersteller im Falle eines Schadens einen entsprechenden Kausalitätsnachweis führen müssten. Letztlich wird dies von der Entwicklung spezieller gesetzlicher Regelungen und der gängigen Rechtsprechung rund um Functional Food abhängen. „Im Schadenfall kann man davon ausgehen, dass der Verbraucher geschützt und entsprechend zu seinen Gunsten entschieden wird“, sagt Fraenk.

Zwar hoffen die Hersteller, dass die Schadensummen im Bereich funktioneller Nahrungsmittel im Vergleich zu den Haftpflichtschäden in der Pharmaindustrie erheblich geringer ausfallen. Fraenk weist jedoch daraufhin, dass Functional Food – wie gentechnisch modifizierte Organismen, elektromagnetische Felder, Nanotechnologie und andere „Emerging Risks“ – grundsätzlich ein Potenzial für Großschäden besitzt. Die Folgen dieser Risiken seien zum heutigen Zeitpunkt kaum abzuschätzen oder quantitativ zu bestimmen. Unter Umständen könnten sie sogar eine existenzbedrohende Gefahr darstellen. „Vor diesem Hintergrund“, sagt der AssTech-Experte, „lohnt sich eine kritische Auseinandersetzung mit Functional Food umso mehr.“

Ansgar Schneider arbeitet als freier Journalist in München.

GDV Position
Ob Functional Food ernährungsbedingte Krankheiten vermeidet, wird kontrovers diskutiert. Die Versicherer verdammen keine Produkte. Sie fordern aber vom Gesetzgeber eine wissenschaftliche Grundlage, um das Risikopotential kalkulieren zu können.