08.11.2006
Interview

„Die Arktis könnte schon Mitte des Jahrhunderts eisfrei sein“

„Wir müssen Energie intelligent erzeugen. Denn was wir jetzt tun, ist dasselbe, was wir in der Steinzeit gemacht haben: Wir verbrennen einfach ingendetwas.“

Professor Mojib Latif untersucht am Leibniz-Institut für Meereswissenschaften an der Universität Kiel den Einfluss des Menschen auf das Klima. Im Interview sagt er, dass jeder in Deutschland die Auswirkungen des Klimawandels schon längst spüren kann.

Sie haben sich gestern in London mit Forscherkollegen getroffen. Heute sitzen wir in Hamburg zusammen. Haben Sie als Klimawandel-Experte kein schlechtes Gewissen, wenn Sie Flugzeuge benutzen?

Ein schlechtes Gewissen habe ich nicht. Forscher müssen sich nun mal kennenlernen, um sich international wissenschaftlich auszutauschen. Dafür muss man sich auch persönlich treffen. Es wäre natürlich schön, wenn man das Fliegen vermeiden könnte. Innerhalb Deutschlands versuche ich das auch. Kein Klimaforscher würde aber wollen, dass man nicht mehr fliegt, sondern wir müssen Antriebe entwickeln, die die Umwelt schützen.

Wie schlimm ist der Klimawandel denn nun wirklich?

Im Moment haben wir eine globale Erwärmung von 0,8 Grad innerhalb der letzten 100 Jahre. Das ist zwar noch relativ wenig, aber man sieht schon die ersten Auswirkungen. Man sieht, dass das arktische Packeis seit 1970 um 20 Prozent zurückgegangen ist. Man sieht, dass die Wetterextreme zunehmen. Und man sieht auch, dass die Meeresspiegel steigen. In den letzten 100 Jahren zwar erst 20 Zentimeter, aber das wird in den nächsten Jahrzehnten mehr werden.

Die magische Jahreszahl des Klimawandels ist 2050. Das ist in 44 Jahren. Haben wir noch genug Zeit, den Klimawandel aufzuhalten?

Es ist wichtig, dass wir heute anfangen, die Wende einzuleiten. 2050 wird die Erderwärmung noch einmal an Fahrt aufgenommen haben und zu noch extremeren Wetterlagen führen. Das werden wir auch in Deutschland merken, unter anderem an mehr Trockenperioden, Dürren, Starkniederschlägen und sehr milden, aber nassen Wintern. In den letzten 100 Jahren ist die Temperatur in Deutschland um ein Grad gestiegen. Trockenperioden und Starkniederschläge, die zu Überschwemmungen führen, haben zugenommen.

Das heißt, auch Elb-, Oder- und Donau-Hochwasser und die sogenannte Versteppung weiter Teile Ostdeutschlands sind heute schon Auswirkungen der Erderwärmung?

Für uns in Deutschland ist der Klimawandel schon längst spürbar. Auch dieses Jahr hatten wir einen Temperaturrekord im Juli. Wir sehen insbesondere an den Starkniederschlägen und den Überschwemmungen, dass sich etwas tut. Heute ist die Wahrscheinlichkeit für eine Überschwemmung mindestens zehnmal so hoch wie noch vor 100 Jahren. Der globale Klimawandel ist real. Noch könnten wir es einigermaßen in Schach halten, aber wenn wir jetzt zu lange warten und nicht versuchen, den Ausstoß bestimmter Gase in die Atmosphäre zu reduzieren, dann müssen wir die Zunahme solcher Ereignisse erleben.

Sie erklären jede Überschwemmung mit der Klimaveränderung?

Man darf natürlich nicht den Fehler machen, eine einzelne Überschwemmung herauszugreifen. Nur die allgemeine Zunahme von Hochwasser ist auf die Klimaerwärmung zurückzuführen. Ich vergleiche das immer mit einem gezinkten Würfel. Wenn
man dessen Sechs zinkt, kommt die Sechs häufiger. Aber man kann nicht jede Sechs auf das Zinken zurückführen, sondern nur die Zunahme der Sechsen. Und so können wir auch die Zunahme der verschiedenen Wetterextreme dem menschlichen Einfluss zuschreiben.

Wissenschaftler sagen: Selbst wenn wir heute tatsächlich eine Klimawende einleiten, bekommen wir die Auswirkungen erst in 30 Jahren zu spüren. Woran liegt das?

Das Klima ist träge, es reagiert sehr langsam auf äußere Eingriffe. Insbesondere die Weltmeere. Man muss sich das wie bei der Beschleunigung eines Autos vorstellen. Man tritt zwar aufs Gas, aber es dauert eine gewisse Zeit, bis man die Endgeschwindigkeit erreicht hat. Und bis man dann wieder steht, dauert es wieder.

Aber erdgeschichtlich hat es doch immer Temperaturschwankungen gegeben. Was macht die aktuellen Messungen so besonders?

Die Relationen sind das Dramatische: Während der letzten Eiszeit vor 20.000 Jahren war die Temperatur weltweit um fünf Grad niedriger als heute. Die Natur hat also 20.000 Jahre gebraucht, um die Erde um fünf Grad zu erwärmen. Wir reden jetzt im allerschlimmsten Szenario von fünf bis sechs Grad bis 2100. Die Geschwindigkeit, in der sich diese Entwicklung vollzieht, ist einmalig in der Geschichte der Menschheit. Ebenso wie das absolute Niveau: Wir haben heute eine Erdmitteltemperatur von 15 Grad. In der Eiszeit waren es gerade mal 10 Grad. Und wenn jetzt im schlimmsten Fall noch mal fünf Grad dazukommen, sind wir bei 20 Grad. So warm war es noch nie, seitdem Menschen diesen Planeten besiedeln.

Und da sind sich auch alle Klimawissenschaftler einig?

Ja, es gibt eine große Übereinstimmung in der weltweiten Wissenschaft, dass es diesen Einfluss des Menschen gibt.Von den 0,8 Grad, die die Temperatur in den letzten 100 Jahren gestiegen ist, gehen ungefähr 0,5 bis 0,6 Grad auf das Konto des Menschen. Der Rest sind natürliche Einflüsse. Und die Einflüsse des Menschen werden in den nächsten Jahrzehnten immer stärker werden. Das ist wissenschaftlich unbestritten. Die Macher des amerikanischen Dokumentarfilms Eine unbequeme Wahrheit haben sich mehr als 900 klimarelevante Artikel in Fachzeitschriften angesehen und untersucht, wie viele von diesen Publikationen den menschlichen Einfluss auf das Klima verneinen. Sie haben keine einzige gefunden. Es gibt keine wissenschaftliche Arbeit der letzten fünf Jahre, die nicht den Faktor Mensch als eine wesentliche Ursache das Klimawandels benennt.

Wie sehen denn die Auswirkungen des Klimawandels im Einzelnen aus? Mit welchem Wetter müssen die Menschen weltweit tatsächlich rechnen?

Zunächst einmal werden die sehr heißen Temperaturen zunehmen. In Deutschland müssen wir damit rechnen, dass Temperaturen über 30 Grad, sogenannte Hitzetage, um etwa 30 Tage pro Jahr ansteigen. Wir werden auch sehr häufig die 40 Grad überschreiten. Das führt zu extremer Trockenheit über allen Landregionen. Für den Mittelmeerraum heißt das, er wird noch trockener, und in den mittleren Breiten werden wir Extremniederschläge erleben. Die Extreme heißen also Trockenheit und Dürre auf der einen und Starkniederschläge und Überschwemmungen auf der anderen Seite. Das sind zwei Seiten einer Medaille und diese Medaille heißt globale Erwärmung.

Und im Norden?

Die Arktis könnte im schlimmsten Fall schon Mitte des Jahrhunderts im Sommer eisfrei sein. Das wäre fatal für die dortigen Ökosysteme. Im Süden: Die Tropen werden noch stärkere Niederschläge bekommen, insbesondere der indische Sommermonsun wird sich verstärken und zu immer verhängnisvolleren Überschwemmungen führen. Und was alle Küstenregionen betrifft: Der Meeresspiegel wird steigen. Zum einen wegen abschmelzender Landeismassen und zum anderen infolge der Erwärmung der Meere – jeder Körper, der sich erwärmt, dehnt sich aus.

Das hat man im Physikunterricht in der Schule gelernt. Und auch der Treibhauseffekt wird seit Jahrzehnten im Schulunterricht gelehrt. Das Problem ist also erkannt – warum ist die Gefahr nicht gebannt?

Der Treibhauseffekt wurde sogar schon Ende des 19. Jahrhunderts wissenschaftlich beschrieben. Es scheint aber ein Charakteristikum unserer Zeit zu sein, dass wir Probleme benennen, aber nichts dagegen unternehmen. Das ist dasselbe wie bei der Rente und der demografischen Entwicklung in Deutschland. Es muss wieder eine gewisse Langfristigkeit in die Politik einkehren.

Meist setzten sich nur Ex-Politiker langfristig für Umweltpolitik ein.

Das ist genau das Problem. Politiker, die in der Verantwortung stehen, können Probleme nicht lösen, weil sie bestimmten Interessen ausgeliefert sind. Erst wenn sie nicht mehr in Amt und Würden sind, sind Politiker völlig frei, niemandem mehr verpflichtet und versuchen Dinge tatsächlich zu bewegen. Siehe Al Gore, Bill Clinton oder Klaus Töpfer.

Was sollte die Politik denn genau unternehmen?

Weil es ein globales Problem ist, können wir es nicht national lösen. Selbst wenn wir in Deutschland kein Kohlendioxid mehr ausstoßen, ändert sich das Klima. Die internationale Politik muss sich auf das Kyoto-Protokoll verständigen. Auch die USA und China müssen sich verpflichten, den Ausstoß von Klimagasen zu drosseln.

Ist das Kyoto-Protokoll denn ausreichend?

Das Kyoto-Protokoll mit seinen fünf Prozent Reduktion bis 2012 gegenüber 1990 kann nur der erste Schritt sein. Wir Klimaforscher sagen: 50 Prozent Reduktion des CO2-Ausstoßes bis 2050 und davon dann noch mal 90 Prozent bis 2100. Dabei kann Europa eine Vorreiterrolle haben. Wir in Deutschland haben zum Beispiel seit 1990 schon 20 Prozent des CO2-Ausstoßes reduziert und hier sind nicht die Lichter ausgegangen. Wenn die Amerikaner das nachmachen würden, würden wir eine Menge schaffen. Aber auch innerhalb Europas gibt es Sünder wie Spanien und Portugal, die ihren Ausstoß um 40 Prozent erhöht haben.

Welche Rolle fällt Deutschland dabei zu?

Deutschland kann natürlich nur Vorbild sein, wenn die Menschen mitmachen. Jeder Einzelne. Niemand möchte das Autofahren verbieten. Aber ich persönlich kann zum Beispiel nicht verstehen, warum man in der Großstadt zum Brötchenholen mit einem Geländewagen fährt. Es geht um einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Auto und mit Energie: Wenn man den Stand-by-Schalter ausschalten würde, könnten wir uns allein in Deutschland zwei große Kraftwerke sparen. Das zeigt, welche Macht der Einzelne hat. Man muss es nur wollen und es ist wichtig, dass die Politik hier Anreize schafft, damit die Menschen zum Beispiel umweltschonende Autos kaufen oder ihre Häuser wärmetechnisch besser isolieren. Derjenige, der sich umweltverträglich verhält, wird belohnt. Sobald es sich für jeden Einzelnen rechnet, käme eine Bewegung in Gang. Energie teurer zu machen hemmt nur die wirtschaftliche Entwicklung aktive Anreize sind besser.

Das waren jetzt die große, internationale Politik und der einzelne Mensch. Gibt es auch noch Institutionen dazwischen, die etwas tun können?

In den Gemeinden kann man prüfen, inwieweit man standortangepasste erneuerbare Energien nutzen kann. In Süddeutschland gibt es viele Solaranlagen, in Norddeutschland viele Windanlagen. Es gibt Gemeinden, die mittlerweile ganz frei von fossilen Energien sind und nur erneuerbare Energien nutzen. Wichtig ist, dass jede Gemeinde prüft, welche Energieform sie sinnvoll nutzen kann. Die Ziele heißen also kurzfristig massiv Energie zu sparen und langfristig in erneuerbare Energien einzusteigen.

Wird das Wetter sonst unkalkulierbar?

Ich glaube schon, jedenfalls wenn wir weitermachen wie bisher – und leider sieht es ja danach aus. Denn der CO2-Gehalt ist seit 1990 weltweit um 30 Prozent gestiegen. Insofern müssen wir mit einer deutlichen Zunahme von Wetterextremen rechnen und uns darauf einstellen. Es stellt sich zum Beispiel die Frage: Muss man wirklich sehr dicht an einem Fluss siedeln?

Soll man Menschen denn verbieten, an bestimmten Orten ein Haus zu bauen?

Andere Länder praktizieren so etwas ja schon. Wenn in der Schweiz ein Haus überflutet wird, darf man es nicht wieder aufbauen. Im Übrigen muss man auch sehen, dass – unabhängig von der Klimaveränderung – das Risiko für Überschwemmungen zunimmt, weil wir Flüssen und Gewässern keinen Auslauf bieten. Bei Überschwemmungen holt sich ein Fluss nur sein ursprüngliches Bett zurück. Das muss in künftigen Bauplanungen berücksichtigt werden.

Der Klimawandel ist also ein gesamtwirtschaftliches Problem.

Ja. Es trifft auch die Energieversorgung. Konventionelle und Atomkraftwerke können ab einer bestimmten Hitze nicht mehr richtig gekühlt werden. Im Extremfall ist also die Energieversorgung gar nicht mehr gesichert. Das würde Wirtschaft und Gesellschaft gleichermaßen treffen. Dann kann es in großen Industrien zu Produktionsausfällen kommen. Auch im Tourismus wird es große Veränderungen geben. Die sieht man mit Quallenpest und Algenblüte schon jetzt an den Mittelmeerstränden. Quallen und Algen bevorzugen warmes Wasser und vertreiben Touristen. Der Mittelmeerraum wird praktisch seine ganze Tourismusbranche verlieren, weil es unerträglich heiß und so trocken werden wird, dass es gar nicht genug Trinkwasser geben wird.

Auf welche weiteren Auswirkungen des Klimawandels muss die Politik gefasst sein? Es entstehen ja auch soziale Probleme.

Jedes Land wird von den Klimaveränderungen betroffen sein – allein beim Küstenschutz und der Nahrungsmittelproduktion. Außerdem wird es weltweit einen noch stärkeren Migrationsdruck geben. Die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen den Ländern werden weiter verschärft und die Entwicklungsländer werden es kaum mitmachen, dass die Industrienationen jahrzehntelang CO2 freigesetzt haben und den Entwicklungsländern dasselbe verbieten wollen. Es sei denn, wir entwickeln entsprechende Techniken, die man in den Entwicklungsländern anwendet.

Wie soll die deutsche Politik darauf reagieren?

Man muss bei diesen Fragen weit vorn mitdiskutieren! In Deutschland leben wir von Innovationen. Insofern müssen wir massiv in Forschung und Technologie der erneuerbaren Energien investieren, damit wir in ein paar Jahrzehnten wirklich die Produkte entwickelt haben, die wir weltweit vermarkten können. Hier steckt ein enormes wirtschaftliches Potenzial. Das ist auch ein Standortvorteil. Ich will die Windkraft nicht überbewerten, aber sie ist ein Exportschlager und hier muss man couragiert vorangehen! Denn egal, ob in 50 oder 100 Jahren – wir müssen etwas tun: Denn das Öl geht uns aus!

Sie beschäftigen sich tagtäglich mit der globalen Klimaproblematik und sehen ihre Auswirkungen: Wie gut schlafen Sie eigentlich?

Ich schlafe gut, danke der Nachfrage. Wissen Sie, das ist wie bei einem Arzt: Ich kann mit dem Patienten nicht mitleiden, sonst würde ich ja wahnsinnig werden. Ich denke, man kann einigermaßen optimistisch sein, dass wir unsere Lebensgrundlagen erhalten werden. Ohne Optimismus kriegen Sie nichts hin! Niemand will Autos abschaffen oder Flugzeuge. Es geht nicht darum, den Wohlstand zurückzudrehen. Das wäre in der Öffentlichkeit auch nicht durchsetzbar. Wir wollen unseren Wohlstand. Und wir wollen ihn mehren. Nur: Wir wollen Energie intelligent erzeugen. Denn was wir jetzt tun, ist dasselbe, was wir in der Steinzeit gemacht haben: Wir verbrennen einfach irgendetwas. Und das kann es ja wohl nicht sein. Das entspricht nicht unserem Intellekt!

Das Interview führte Philipp Thor. Er arbeitet als freier Journalist in Berlin Professor Mojib Latif untersucht am Leibniz-Institut für Meereswissenschaften an der Universität Kiel den Einfluss des Menschen auf das Klima. Im Interview sagt er, dass jeder in Deutschland die Auswirkungen des Klimawandels schon längst spüren kann.