29.09.2006
Risiken in Mega City

Willkommen in Mexiko City

Vor 50 Jahren galt Berlin mit 3,3 Millionen Einwohnern als Großstadt. Diese Zeiten sind endgültig vorbei. Heute ist die Rede von Megacitys. Städte wie Tokio, São Paulo oder Mexiko-Stadt, in denen allein fast so viele Menschen leben wie in Deutschland.Wie groß wäre hier wohl ein Schaden durch ein Erdbeben oder einen Terroranschlag?

Die Erde bebte gerade einmal 20 Sekunden, doch die Folgen waren verheerend. Mehr als 6430 Menschen starben, als die japanische Millionenstadt Kobe in den frühen Morgenstunden des 17. Januar 1995 von einem Erdbeben erschüttert wurde. Rund 44.000 Menschen wurden verletzt, mehr als 300.000 obdachlos. Der Erdstoß zerstörte mehr als 100.000 Gebäude. Selbst der Hanshin Expressway, eine bis dato als erdbebensicher geltende Autobahn, brach zusammen. Der Hafen von Kobe, vor den Verwüstungen einer der umsatzstärksten der Welt, büßte seine Bedeutung dauerhaft ein. Der japanische Aktienindex, ohnehin schon im Abwärtstrend, verlor infolge des Unglücks weitere zehn Prozent. Volkswirtschaftliche Schäden von mindestens 100 Milliarden Dollar machten das Erdbeben von Kobe zur bis heute teuersten Naturkatastrophe aller Zeiten. Eine immense Summe, die vor allem eine Ursache hat: Kobe zählt, genauso wie das benachbarte und ebenfalls hochgradig erdbebengefährdete Tokio, zu den am dichtesten besiedelten Regionen der Erde.Mehr als 17 Millionen Menschen drängen sich im Ballungsraum Osaka-Kobe- Kyoto – und das auf einer Fläche, die deutlich kleiner ist als Schleswig-Holstein. Weltweit leben heute mehr als 280 Millionen Menschen in sogenannten Megacitys, in städtischen Großräumen mit mindestens zehn Millionen Einwohnern. In den nächsten zehn Jahren wird ihre Zahl auf geschätzte 350 Millionen steigen. Und: Besonders in Schwellenländern und Ländern der Dritten Welt steigt die Bevölkerungszahl der Großstädte rapide und damit auch die Zahl der Megacitys in diesen Regionen.

Die zunehmende Verstädterung und die damit einhergehende Konzentration von Menschen, Werten und Infrastrukturen auf immer kleinerem Raum sind zu einer der zentralen Herausforderungen dieses Jahrhunderts geworden – ganz besonders für die Versicherer. „Die Versicherungswirtschaft muss sich noch intensiver als die meisten anderen Bereiche der Wirtschaft mit dem Thema Megacity befassen, weil sich hier tatsächlich auch Megarisiken verbergen“, berichtet Gerhard Berz, der frühere Leiter des Fachbereichs GeoRisiko-Forschung der Münchener Rück, in der Studie Megastädte – Megarisiken. Um derartige Gefahren auch künftig unter Kontrolle halten zu können, müssten rechtzeitig geeignete Strategien entwickelt werden. Nicht umsonst sitzen bei so ziemlich allen großen Versicherern daran gerade eine Menge Experten. „Andernfalls“, so Berz, „könnten die Risiken existenzbedrohende Ausmaße annehmen.“

„Megacitys bringen aber auch Chancen. Gerade in Schwellenländern finden sich neue Märkte für neue Produkte und damit neue Kundenkreise“, sagt Anselm Smolka, stellvertretender Leiter der GeoRisiko-Forschung der Münchener Rück. Allerdings sei den Prinzipien Risikokontrolle und Risikobegrenzung unbedingt Folge zu leisten, „schließlich muss man wissen, wofür man überhaupt alles haftet“

Ein Erdbeben in Tokio hätte für europäische Firmen verheerende Auswirkungen.

Denn Megacitys ziehen das Risiko geradezu an: Egal ob Naturkatastrophen, Wetter, Umwelt, Gesundheit oder Terrorismus – große Städte sind deutlich verwundbarer als ländliche Regionen. Die globale Vernetzung von Güter-, Finanz- und Informationsströmen vergrößert das Problem noch. Megastädte können nicht für sich allein betrachtet werden. Technische Probleme in einer dieser Metropolen – so scheinbar harmlos das Ereignis auch aussehen mag – können weltweite Spuren hinterlassen. Wenn in Tokio aufgrund eines leichten Erdbebens die Pendlerzüge vorsichtshalber gestoppt werden, stecken Millionen Menschen auf ihrem Weg zur Arbeit fest. Stundenlang. Das Chaos mag nach einem Tag vergessen sein. Doch die Produktionsausfälle werden sich – als Folge der weltweiten Verflechtungen und Abhängigkeiten im Herstellungsprozess – bis nach Europa und Australien auswirken.

Oft reicht ein kleines Ereignis, um große Schäden zu verursachen. Als der Wirbelsturm Nari im September 2001 mit relativ niedrigen Windgeschwindigkeiten über Taipeh hinwegzog, fürchtete kaum jemand schlimme Folgen. Doch die Pumpen in der taiwanesischen Millionenstadt fielen aus. Die starken Niederschläge setzten U-Bahn- Stationen unter Wasser und legten die wichtigste Verkehrsader auf Wochen hinaus lahm. Hersteller von Computerchips, die ihre Waren auch nach Europa liefern, berichteten, dass selbst Warenlager im dritten Stockwerk nicht vom Wasser verschont geblieben waren. Allein in Taipeh lagen die versicherten Schäden bei rund 500 Millionen Dollar.

Die Beispiele Tokio und Taipeh zeigen: Die Risiken, die Megacitys bedrohen, sind komplex. Sie reichen von natürlichen Gefahren über technologische, soziale, politische und infrastrukturelle Risiken bis hin zu volkswirtschaftlichen Bedrohungen wie dem Kollaps ganzer Kapitalmärkte. Naturkatastrophen weisen dabei ein besonders hohes Schadenspotenzial auf – allen voran Erdbeben, die mit ihrer Intensität und räumlichen Ausdehnung zur größten Gefahr für Megacitys zählen: Sollte das verheerende Beben, das Seismologen für den Ballungsraum Tokio mit seinen 37 Millionen Einwohnern seit Jahren vorhersagen, tatsächlich eintreten, rechnen Forscher mit Zehntausenden von Toten, mehreren Billionen Dollar Schäden und globalen wirtschaftlichen Auswirkungen.

Aber auch Stürme können Städte und ganze Regionen treffen, verwüsten und sogar unter Wasser setzen, wie das Beispiel New Orleans im vergangenen Jahr gezeigt hat. Da technische Anlagen, Warenlager, Heizungssysteme, Labors und Garagen (gerade bei Hochhäusern, Krankenhäusern sowie öffentlichen Einrichtungen) oft in Untergeschossen liegen, verursachen derartige Überschwemmungen oft hohe versicherte Schäden. Megacitys sind aber nicht nur Naturgefahren ausgesetzt. Als Industriestandorte mit Verkehrsknotenpunkten und komplexer Infrastruktur gefährden sie sich selbst, ihr Umland und ganze Regionen. Rohrbrüche und Kabelschäden können die Versorgung mit Energie und Wasser versiegen lassen, Kommunikationssysteme brechen zusammen. Autounfälle und Eisenbahnunglücke kosten Menschenleben und gefährden den Verkehrsfluss. Der ist auch ohne außergewöhnliche Störungen bereits dem Kollaps nahe: In den gesamten USA werden jährlich 20 Milliarden Liter Benzin und 3,5 Milliarden Arbeitsstunden im Stau verschwendet. Wer in Los Angeles mit dem Auto zur Arbeit fährt, verbringt pro Jahr mehr als zwei Wochen im Stau. Die Kosten des automobilen Stillstands sind in den vergangenen 20 Jahren von 14 Milliarden Dollar auf mehr als 63 Milliarden Dollar gestiegen.

Die Zusammenballung von Menschen, Verkehr, Industrie und Gewerbe auf engem Raum belastet zudem die Umwelt – und über den Boden, das Wasser und die Luft auch die Gesundheit der Einwohner. Ganz besonders Megacitys in Schwellen- und Entwicklungsländern, deren Zahl in den nächsten Jahrzehnten stark zunehmen wird, sind von Umweltproblemen betroffen. So haben im Boden der philippinischen Hauptstadt Manila, in deren Umfeld gut 15 Millionen Menschen leben, Blei, Zink, Kupfer, Chrom, Nickel und Quecksilber flächendeckend kritische Werte erreicht. Neben Müll und Abwasser ist die Belastung der Luft mit Staub- und Rußpartikeln eines der größten Probleme der Metropolen. In Santiago de Chile liegt die Ozonbelastung an 160 Tagen im Jahr fast dreimal so hoch, wie es der kritische Grenzwert erlaubt.

Schließlich sind Megacitys auch besonders anfällig für eine der größten Gefahren unserer Zeit – den Terrorismus. Anschläge auf Versorgungsunternehmen oder die Infrastruktur können sich fatal auswirken. Aber auch Angriffe auf Hochhäuser und andere kaum zu kontrollierende Ziele können – wie die Anschläge auf das World Trade Center im September 2001 gezeigt haben – enorme Schäden verursachen.

„Deshalb muss es immer ein erster Schritt sein, eine gründliche Bestandsaufnahme der Risiken zu machen und dann die Haftungen gegebenenfalls zu limitieren“, meint Anselm Smolka. Nun ist gerade das meist die Schwierigkeit: Wie stellt man fest, welche Risiken ein versichertes Objekt in einer bestimmten Stadt bedrohen? Naturgemäß sind soziale und politische Risiken wie Terror sehr schwer zu kalkulieren, „deswegen wurde nach dem 11. September in diesem Bereich die Deckung auch stark reduziert“, sagt Smolka. Über Naturgefahren weiß man dagegen eine Menge und versucht die Risiken über zwei Modelle zu erkennen.

Bei dem ersten sogenannten Bottom-up-Modell greift man auf bekannte Faktoren zurück. Dafür wurde das Instrument der Geo-Kodierung entwickelt, bei dem die Bestands- und Schadensdaten der Erstversicherer in eine Datenbank eingegeben werden. Diese Angaben können später gesucht – nach Postleitzahl, Ort oder Adresse zum Beispiel – und aktiv genutzt werden, um eine Grundlage für das Risikomanagement zu schaffen. In den USA ist diese Methode schon sehr weit fortgeschritten und verfügt über große Datenmengen. „Damit kann man jedes Hochhaus erfassen. Allerdings ist die Geo-Kodierung nur bei hohen Exponierungen sinnvoll, ansonsten schießt man damit über das Ziel hinaus“, meint Smolka.

Beim Top-down-Modell versucht man quasi von oben auf ganze Regionen zu schauen. Dafür entwickelte die Münchener Rück einen Naturgefahren- Risikoindex für Megacitys. Dadurch sollen wenigstens die relativen Größenordnungen der Schadenspotenziale abgeschätzt und verglichen werden können. Berücksichtigt wurden die drei Komponenten Gefährdung, Schadensanfälligkeit und exponierte Werte. „Das ist zwar nur ein grober Überblick, aber für die erste übergreifende Einschätzung von großem Wert“, meint Smolka.

Weiß man über mögliche Risiken einmal Bescheid, kann man sich als Erst- und als Rückversicherer auch ein Bild der potenziellen Schäden machen. Egal ob Naturkatastrophe, Industrieunfall oder Terroranschlag: Wenn sich Versicherer Megacitys zuwenden, müssen sie sich auf vier unterschiedliche Kategorien von Schäden einstellen – wenn auch in unterschiedlichem Maße. Neben Personen- und Sachschäden ist in der Regel auch mit Beeinträchtigungen der Umwelt und ökonomischen Schäden zu rechnen. Der 11. September 2001 hat dies eindrucksvoll demonstriert.

Unterschiede gibt es allerdings zwischen Entwicklungs- und Industrieländern. In den hoch entwickelten Megacitys mit ihren enormen Sachwerten stehen in der Regel Sach- und Vermögensschäden im Vordergrund. Im Bereich der rein finanziellen Schäden erwartet große Versicherer eine doppelte Problematik: Bei einem Zusammenbruch der Aktien- und Kapitalmärkte wären sie nicht nur als auszahlende Versicherung, sondern auch als großer Investor betroffen. In den aufstrebenden Metropolen ist dagegen mit immensen Personenschäden zu rechnen. Auch die dauerhaften Auswirkungen der Katastrophen sind unterschiedlich. Unfälle haben meist einen kurzfristigen Charakter und sind daher gut einzuschätzen. Strukturelle Risiken wirken sich dagegen über einen langen Zeitraum aus, entsprechend schwer sind sie zu kalkulieren.

Als Hauptproblem der Megacitys gilt, dass ein Ereignis viele versicherte Risiken betreffen kann. „Um den Schaden einzugrenzen, greifen die Versicherer vor allem auf zwei Möglichkeiten zurück: einen höheren Selbstbehalt und eine nur prozentuale Versicherung der Werte“, erklärt Smolka. Wenn eine Industrieanlage nur zu dreißig Prozent abgesichert ist, spart sich der Versicherte Prämien und der Versicherer weiß um ein eingegrenztes Risiko.

Neben der Risikokontrolle und der Risikobegrenzung rückt auch immer mehr die aktive Prävention in den Vordergrund. Bei dem großen Erdbeben im August 1999 in der Türkei waren gerade mal drei Prozent der Wohnraumbesitzer versichert. „In solchen Ballungsräumen haben wir einen ganz anderen Hebel zur Risikoprävention“, sagt Smolka. Durch einen Katastrophenpool sind inzwischen in Istanbul etwa 25 Prozent der Wohnraumbesitzer gegen Erdbeben versichert. Seither gilt das Modell der Poolbildung als überaus zukunftsträchtig und wurde schon mehrmals kopiert, so zum Beispiel in Taiwan, Rumänien und Algerien.

Die Problematik der Megacitys wird noch länger andauern. Manche Risiken mögen begrenzbar sein, andere, wie nukleare Katastrophen, von den Versicherern ausgenommen bleiben und weitere Schäden im Vorfeld gar verhindert werden – solange ein einziger Vorfall eine ganze Megacity lahmlegen kann, lauert hier eine nicht zu unterschätzende Gefahr. Forscher sind sich mittlerweile zu 90 Prozent sicher, dass Tokio in den nächsten 50 Jahren von einem verheerenden Erdbeben heimgesucht werden wird. Einem, das die Katastrophe von Kobe sehr schnell vergessen machen wird.

Ansgar Schneider und Bastian Obermayer sind freie Journalisten in München.

GDV Position
Megacitys wachsen in einem atemberaubenden Tempo.Um die gewaltigen Risiken einschätzen zu können, sind das Bottom-up- und das Top-down-Modell geeignete Instrumente.