29.09.2006
Interview

„Hunderprozentige Sicherheit gibt es nicht. Aber Solvency II wird die Wahrscheinlichkeit eines Crashs erheblich senken“

„Bei Solvency II sehe ich keine Gefahr: Alle Unternehmen legen die gleichen Daten offen. Von einer Wettbewerbsverzerrung kann keine Rede sein.“

Karel van Hulle leitet bei der Europäischen Kommission das Referat für Versicherungen und Pensionen. In seinem Brüsseler Büro laufen alle Fäden für die Umstellung auf Solvency II zusammen. Im Interview erklärt er, welche Auswirkungen die Reform auf das Versicherungswesen haben Herr van Hulle, ein besseres Risikomanagement soll Solvency II den Versicherern bringen. Finden Sie, dass das bisherige System unsicher ist, weil es auf Risiken zu wenig eingeht?

Das alte System passte in seine Zeit. Es war einfach und robust. Das Marktumfeld hat sich jedoch geändert. Es birgt neue Risiken, denen wir Rechnung tragen müssen. Denken Sie nur an die Öffnung der Märkte, neue Finanzinstrumente und den verstärkten Wettbewerb. Das heutige System ist nicht ganz perfekt. Das hat sich in der Vergangenheit auch schon gezeigt – zum Beispiel als der Kapitalmarkt vor einigen Jahren große Schwierigkeiten hatte. Da kamen einige Versicherungsunternehmen ganz schön in Turbulenzen. Viele hatten weder die Gefahr eines Crashs noch die Auswirkungen auf die Verpflichtungen richtig in ihre Risikoanalyse aufgenommen. Spätestens seit dieser Zeit ist klar, dass das alte System nicht alle Risiken ausreichend berücksichtigt hat. Deshalb sind Verbesserungen nötig. Diese packen wir lieber jetzt an, als auf den nächsten Crash zu warten.

Und Solvency II kann verhindern, dass es in Zukunft zu einem Crash kommt?

Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es natürlich nicht, aber wir können die Wahrscheinlichkeit eines Crashs senken. Wir haben Solvency II so kalibriert, dass ein Unternehmen rein rechnerisch einmal in 200 Jahren einen Verlust erfährt, der sein Kapital übersteigt. Aber das ist nur die rein mathematische Betrachtung. Es geht darum, den Unternehmen ihre Risiken bewusster zu machen und dadurch Probleme zu vermeiden. Bei Versicherungen dreht sich nun einmal alles um Risiken, und deshalb ist es doch nur einleuchtend, wenn das Solvabilitätssystem auf der Risikoberechnung basiert. Ein Unternehmen mit größerem Risiko wird ein höheres Solvenzkapital benötigen als ein Unternehmen mit einem geringeren Risikoprofil. Dieses neue Risikomanagement kombinieren wir in Solvency II mit einem verbesserten Aufsichtssystem. Dabei ist uns wichtig, dass es europaweit einheitlich ist. Bislang hat jedes der 25 EU-Länder sein eigenes System – das wird durch Solvency II besser.

Das neue System besteht aus drei Säulen, es geht um Risikoberechnung, um Aufsichtsrechte und um Veröffentlichungspflichten. Das hört sich nach einem immensen bürokratischen Prozedere für die Unternehmen an.

Natürlich müssen sich die Versicherer erst einmal umstellen, und das kostet Geld. Wir wollen aber keinen unnötigen Verwaltungsaufwand schaffen und verfolgen mit einer Auswirkungsstudie genau, ob die Unternehmen tatsächlich zusätzlichen Aufwand haben und wie groß der ist. Und Sie müssen auch die Gegenrechnung machen: Solvency II ermöglicht es den Unternehmen, dank der individuellen Berechnung weniger Kapital für den Solvenzschutz zu blockieren als bislang.

Sind die Unternehmen auf die neuen Standards überhaupt schon ausreichend vorbereitet?

So pauschal kann man das nicht sagen. Sie müssen dabei zwischen Märkten und Unternehmen unterscheiden. Natürlich gibt es Märkte, in denen die Aufsicht bereits risikoorientiert ist. Dort sind die Unternehmen schon auf ein solches System eingestellt. Aber auch anderswo bereiten sich die Versicherer vor. In die Entwicklung von Solvency II binden wir sie aktiv ein: Wir wollen nichts von oben nach unten verordnen, sondern auf dem umgekehrten Wege vorgehen. Jeder Schritt, den wir machen, beruht auf Erfahrungen aus der Versicherungswirtschaft. Dazu befragen wir zum Beispiel die Unternehmen. In Deutschland waren an unserer Auswirkungsstudie sehr viele Versicherer beteiligt. Das ist ausgesprochen wichtig für die Vorbereitung: Die Unternehmen müssen sich dabei nämlich ganz konkret vor Augen führen, wie sich die neuen Regeln in der Praxis auf sie auswirken. Damit bereiten sie sich gedanklich gleich auf das neue System vor.Wir wünschen uns, dass sie ein größeres Risikobewusstsein entwickeln, das sich dann nicht nur auf die Unternehmensführung, sondern auf das gesamte Unternehmen auswirkt.

Im nächsten Schritt folgt dann die praktische Umsetzung. Wie viel Vorlaufzeit müssen die Versicherer denn da einkalkulieren?

Das hängt stark von jedem Unternehmen einzeln ab. Grundsätzlich ist Solvency II aber keine neue Idee, man redet seit Jahren über diese Reform und einige Unternehmen haben sich schon lange darauf vorbereitet, indem sie ihre Risikosteuerung verändert haben. Manche haben sogar schon ein eigenes Modell dazu entwickelt und mit den Aufsichtsbehörden abgesprochen. Aber klar ist auch, dass noch lange nicht alle so weit sind. Es geht ja darum, die Risiken zu berechnen und zu schauen, wo die Unternehmen stehen. Das dürfte für einige ein Problem werden. Bis jetzt passiert es manchmal, dass sich einzelne Versicherer auf Risiken einlassen, für die sie kein ausreichendes finanzielles Polster haben. Die müssen sich künftig überlegen, wie sie sich besser schützen – oder gleich einen ganz anderen Weg wählen.

Müssen darunter nicht ganz besonders die kleinen Versicherungen leiden, die sich kein aufwendiges Risikomanagement leisten können?

Nein, das Problem dürften die Großen und die Kleinen gleichermaßen haben. Bei den gut 600 Unternehmen allein auf dem deutschen Markt wäre es zu viel gesagt, dass die Großen vorbereitet sind und die Kleinen nicht. Dazu ist deren Ausgangslage viel zu unterschiedlich. Kleine Unternehmen sind ja häufig sehr spezialisiert, während ein großer Konzern von seiner Diversifikation profitiert. Aber es ist natürlich klar, dass auch ein kleines Unternehmen seine Risiken kennen muss. Um seinen Besonderheiten gerecht zu werden, kann es dafür auf Wunsch ein eigenes Berechnungsmodell aufstellen.

Aber liegt nicht genau darin ein Widerspruch? Sie wollen mit Solvency II die Regeln für den europäischen Versicherungsmarkt harmonisieren und reden im gleichen Atemzug von internen Risikomanagement-Modellen.

Das muss kein Widerspruch sein. Die Harmonisierung wollen wir im grundlegenden Ansatz, aber nicht unbedingt in der individuellen Ausgestaltung. Uns geht es prinzipiell darum, dass die Versicherungswirtschaft ihre Risiken in der jeweiligen Unternehmensstrategie richtig berücksichtigt. Das ist der Kern, der für alle gilt. Aber zu diesem Ziel gibt es verschiedene Wege. Wie dann später die Berechnungsmodelle der einzelnen Unternehmen aussehen, da sind wir flexibel, solange die Risiken richtig dargestellt sind. Deshalb kann jeder sein internes Modell aufstellen, wenn er bestimmte Anforderungen einhält.

Lassen Sie uns einmal konkret auf das Versicherungsgeschäft schauen. Nehmen wir ein Unternehmen, das in mehreren EU-Ländern Tochtergesellschaften hat. Braucht dieser Konzern künftig nur noch eine Risikoanalyse, hat er nur noch mit einer einzigen Aufsichtsbehörde zu tun?

Die Diskussionen laufen noch. Klar ist, dass sich das jetzige System ändern wird. Nehmen wir doch einfach mal einen fiktiven Versicherungskonzern, der in einem kleinen Land eine Tochtergesellschaft hat, etwa in Litauen. Natürlich will die Aufsichtsbehörde in Litauen sicher sein, dass der Konzern interveniert, wenn die kleine Tochterfirma Probleme hat, dass die Versicherungsnehmer ausreichend geschützt sind und dass sich auch die litauischen Risiken in dem internen Modell widerspiegeln. Im Ernstfall will diese Aufsichtsbehörde sicherlich auch eingreifen. Das heißt, man muss auch die lokalen Gegebenheiten berücksichtigen. Was wir aber vermeiden müssen, ist ein doppelter Aufwand für das Unternehmen. Es geht also um einen Kompromiss zwischen dem Schutzbedürfnis der Kunden vor Ort, der Verantwortung der nationalen Aufseher und der Effizienz, die ein Großkonzern anstrebt.

Unter dem Strich soll auch der Versicherungsnehmer von der neuen Regelung profitieren. Transparenz ist dafür das Stichwort – aber haben die Endverbraucher wirklich etwas davon, wenn die Versicherungen künftig mehr Daten offenlegen?

Auf jeden Fall. Künftig werden sich die Versicherer wegen der schärferen Kontrolle nur auf Risiken einlassen, die sie auch abdecken können, und sie werden in ihrer Anlagepolitik vorsichtiger agieren. Damit wird das Schlimmste verhindert, was einem Kunden passieren kann – nämlich, dass seine Versicherung nicht bezahlen kann, wenn ein Schadensfall eintritt. Der Kunde muss wissen, welchem Unternehmen er trauen kann. Dank der Transparenz erkennt er auch, welches Versicherungsprodukt am besten zu ihm passt. Wir müssen dafür sorgen, dass er die relevanten Informationen bekommt und dass sie für ihn verständlich sind.

Für viele Versicherungen ist aber genau diese Veröffentlichungspflicht eine Horrorvorstellung. Sie fürchten, dass die Konkurrenz dadurch wichtige Informationen frei Haus geliefert bekommt.

Wir verlangen natürlich keine Informationen, die wettbewerbsverzerrend sind. Und übrigens ist es typisch, dass man in der Industrie manchmal der Auffassung ist, der Konkurrent wisse nicht, was los ist. In Wirklichkeit sind die Unternehmen oft erstaunt, wenn sie feststellen, wie gut die Konkurrenz im Bilde ist, das habe ich schon öfter festgestellt. Wir brauchen nun einmal ein hohes Maß an Transparenz für ein gutes Funktionieren des Marktes. Und bei Solvency II sehe ich da gar keine Gefahr: Schließlich legen alle Unternehmen die gleichen Daten offen, von einer Wettbewerbsverzerrung kann also keine Rede sein.

Sie versprechen sich von der Transparenz ja ganz im Gegenteil sogar, dass sie den Unter nehmen Vorteile bringt. Wo genau liegen die Ihrer Meinung nach?

Ganz einfach: Im risk appetite, wie die Engländer das nennen. Diesen Appetit braucht jedes Versicherungsunternehmen – dafür muss es aber seine Risiken genau einschätzen können, was ja dank Solvency II objektiv möglich sein wird. Wer das richtig macht, kann neue Produkte anbieten, die speziell auf die Risikostruktur des Unternehmens zugeschnitten sind. Durch diese Individualität kann sich jeder Anbieter von seiner Konkurrenz absetzen und damit neue Kunden gewinnen. Denn dass es für solche neuen Produkte einen Markt gibt, davon bin ich fest überzeugt. Schauen Sie sich zum Beispiel die Probleme mit der Arbeitslosigkeit, den Gesundheitssystemen und den Pensionen an und mit den zunehmenden Naturkatastrophen. Die Probleme sind in ganz Europa vergleichbar. Da muss es doch Versicherungen geben, die alle diese Gefahren abdecken, das ist doch ein Riesenpotenzial! Und es gibt schließlich eine Unmenge an Möglichkeiten, wie man das Leben leichter machen kann.

Solvency II ist auf die EU beschränkt. Ist diese Perspektive überhaupt ausreichend? Die Finanzmärkte sind ja schon lange nicht mehr an nationale oder geografische Grenzen gebunden.

Aber gerade das ist doch eine Chance von Solvency II! Die europäischen Versicherer sind ja heute schon weltweit an der Spitze. Wenn wir es schaffen, die Unternehmen dazu zu bringen, ihr Geschäft mit einem guten Risikomanagement professioneller zu betreiben, dann ist das ein riesiger Vorteil im internationalen Wettbewerb. Und außerdem wird unser Projekt auf der ganzen Welt mit Interesse verfolgt. Ich will nicht ausschließen, dass es auf internationaler Ebene bald Nachahmer gibt, die sich auf unser System stützen.

Noch ist aber Solvency II selbst in Europa Zukunftsmusik, die Einführung wurde schon einmal verschoben. Welcher Stichtag ist denn derzeit für die Einführung geplant?

Es gibt verschiedene Stichtage. Zunächst ist die Europäische Kommission an der Reihe, ihren konzeptionellen Vorschlag auf den Tisch zu legen. Dann kommt es zu Verhandlungen in Rat und Parlament, anschließend werden Durchführungsverordnungen erlassen. Mit der tatsächlichen Anwendung von Solvency II kann es 2011 oder 2012 losgehen. Das ist zumindest unsere derzeitige Einschätzung.

Bis dahin dürften die beteiligten Arbeitskreise noch lange Tagungen vor sich haben. Aus allen EU-Ländern wirken Versicherungsunternehmen, Dachverbände, Politiker und Finanzaufseher an den neuen Regelungen mit. Lässt sich bei dieser Vielzahl von Interessen überhaupt ein gemeinsamer Weg finden?

Ja, solange wir alle an einem Strang ziehen! Meiner Meinung nach ist Solvency II ein gutes Beispiel für einen Gesetzgebungsprozess, der richtig läuft. Es wird ja oft über die Kommission gesagt, dass da Beamte in ihrem Elfenbeinturm etwas ausbrüten. Bei Solvency II kommen die Bestimmungen von unten. Dass da so viele etwas dazu beitragen, ist doch die beste Garantie für einen Erfolg. Auf diese Weise hat niemand das Gefühl, dass ihm etwas auferlegt wird. Im Detail gibt es natürlich Meinungsverschiedenheiten, aber die Richtung ist allen klar.


Das Interview führte Kilian Kirchgeßner. Er arbeitet als freier Journalist in Prag und Brüssel.