20.07.2006
Nanotechnologie

Das Reich der unbekannten Zwerge

Die Nanotechnologie wird immer bedeutender. Für die Industrie ist sie ein wesentlicher Zukunftsfaktor. Aber die Versicherer mahnen zur Vorsicht: Noch ist wissenschaftlich nicht erwiesen,welche Folgeschäden aus dem Einsatz der Nanotechnik entstehen können.

Die Technologie der Zukunft kostete nur 6,99 Euro. Für diesen Preis bot ein Supermarkt-Discounter Ende März den „Magic Nano Glas- und Keramikversiegeler“ an, für 7,99 Euro gab es den „Magic Nano Bad- und WC-Versiegeler“.Doch kurz nach dem Verkaufsstart gingen bundesweit in den Giftinformationszentralen erste Notrufe ein: Die Menschen klagten über Atemnot, Husten, Brechreiz und Fieber, in sechs Fällen kam es zu einem Lungenödem. 110 Personen wurden krank durch „Magic Nano“. Der Discounter stoppte den Verkauf und startete eine Rückrufaktion. Hatte die viel gerühmte Nanotechnologie ihre ersten Opfer gefordert?

In dem Spray waren, wie der Hersteller mittlerweile eingeräumt hat, gar keine Nanoteilchen enthalten. Offenbar haben die fein verteilten Tröpfchen des Putzmittels die gesundheitlichen Probleme ausgelöst. Der Fall Magic Nano – und die damit verbundene Aufregung – zeigt, wie wenig über die Segnungen und Gefahren der Nanotechnologie bekannt ist. „Magic Nano hat den Begriff Nanotechnologie beschädigt, auch wenn keine Nanopartikel im Produkt enthalten waren“, sagt der Biochemiker Thomas Epprecht, der bei der Schweizer Rückversicherungsgesellschaft Swiss Re im Bereich Risikoanalyse arbeitet. Weltweit stehen Versicherer vor der Herausforderung Nanotechnologie: Drohen nicht absehbare wirtschaftliche und gesundheitliche Schäden? „Wir wollen primär verstehen, was für Risiken wir übernehmen“, sagt Epprecht. „Bei neuen Technologien stellt sich immer das Problem der mangelnden Schadenerfahrungen, wir wissen zum Beispiel bei den winzigen, nadelförmigen Kohlenstoff-Nanoröhrchen nicht, ob sich Analogien aus Schäden mit klassischen Produkten, etwa Asbestfasern, heranziehen lassen.“

Herausfordernde Schadenszenarien gehören für die Assekuranz zum täglichen Handwerk, aber die Nanotechnik stellt einen Technologieschub dar, der viel größer ist als bisherige Innovationen, etwa von Naturfasern zu Kunstfasern oder von elektrischen Leitern zu optischen Kabeln. Sprach man hier noch von einer technischen Evolution, erscheint die Nanotechnologie vielmehr als Revolution. „Risiko- und versicherungstechnisch wirklich neu ist die Nanotechnologie also wegen der Unvorhersehbarkeit der Risiken und der Latenz von möglichen Serien- und Kumulschäden“, warnt die viel beachtete Studie „Nanotechnologie: Kleine Teile – große Zukunft?“ der Swiss Re. Die Zeit drängt: Zwar steckt Nanotechnologie derzeit noch in weniger als 0,1 Prozent aller Produkte, doch in nur acht Jahren sollen es dem Allianz Zentrum für Technik (AZT) in Ismaning bei München zufolge bereits 14 Prozent sein. Experten schätzen, dass Nanotech-Aktivitäten im Jahr 2014 weltweit Umsätze von 2,6 Billionen Dollar erzielen werden – mehr als Computer- und Telekommunikationsindustrie zusammen und zehnmal so viel wie Biotechnologie.

Für die Versicherungsbranche ein wichtiger Grund, sich möglichst schnell ein umfassendes Bild von der weltweit boomenden Nanoforschung zu machen. „In einem ersten Schritt geht es darum, eine Risikoanalyse für die Assekuranz zu erstellen“, sagt Annabelle Hett, Autorin der Nanotechnologie-Studie der Swiss Re. Doch für die nötigen toxologischen Studien oder Langzeiterfahrungen bleibt kaum Zeit bei einer derart boomenden Technologie. Zwei Zahlen belegen das: Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und die Industrie investieren in das Projekt „NanoCare“ zur Erforschung der Sicherheit von Nanomaterialien rund 7,6 Millionen Euro in den kommenden drei Jahren. Viel Geld und doch wenig im Vergleich zu den 3,4 Milliarden Euro, die der International Association of Nanotechnology zufolge pro Jahr weltweit in die Nanotechnologieforschung und -entwicklung investiert werden.

Abgeleitet vom griechischen Wort Nanos, zu Deutsch etwa „Zwerg“, gilt die Nanoforschung als eine der Zukunftstechnologien schlechthin. Winzige Teilchen, nicht größer als ein paar Millionstel Millimeter – Physiker sprechen von „Nanometern“ –, sollen unser Leben revolutionieren und neue Materialien mit bislang unbekannten Eigenschaften ermöglichen. Mit bloßem Auge sind die Partikel nicht zu sehen ein menschliches Haar müsste 80 000-mal gespalten werden, bis es nur noch einen Nanometer dick wäre. Die neuen Teilchen sind winzig genug, um vom menschlichen Immunsystem nicht bekämpft zu werden und sogar vom Blut ins Gehirn übergehen zu können. Mediziner hoffen, mit ihrer Hilfe Medikamente direkt in erkrankte Körperzellen zu transportieren – und die Wirkstoffe dort freisetzen zu können. Hygieniker arbeiten daran, unangenehme Gerüche in der Raumluft mittels winziger Teilchen zu neutralisieren. Dermatologen wollen mit Nanopartikeln den Lichtschutzfaktor von Sonnencremes verbessern. Neuartige Textilien sollen – dank Nano-Spezialbehandlung – nie mehr knittern und flecken- sowie wasserabweisend sein. Auch die Lebensmittelbranche experimentiert mit Nanoprodukten: In der Erprobung sind etwa intelligente Verpackungen, die nach Ablauf des Haltbarkeitsdatums farbige Substanzen freisetzen und so den Inhalt als verdorben markieren.

Wer über die enormen Möglichkeiten der Nanotechnologie spricht, muss auch die denkbaren Gefahren ansprechen: „Die freien Nanopartikel könnten problematisch sein“, sagt Christoph Lauterwasser vom Allianz Zentrum für Technik (AZT), Co-Autor einer gemeinsamen Studie der Allianz und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zu Möglichkeiten und Risiken der Nanotechnologie.

Man weiß noch nicht genau, ob Nanopartikel für den Menschen gefährlich werden können.

Da sich die eingeatmeten Teilchen grundlegend von größeren Teilchen unterscheiden, drohen bislang unbekannte Schädigungen der Atemwege. Womöglich gehen die Teilchen über die Lunge sogar ins Blut über. Unklar ist auch, ob die neuartigen Partikel, die bereits heute in Kosmetika und Shampoos eingesetzt werden, über die Haut in den Körper eindringen können.Wie lange sie dort bleiben und was sie womöglich anrichten, können Forscher ebenfalls nicht sagen. Es braucht also gar keine die Menschheit gezielt angreifenden Nanoroboter, wie sie der Bestsellerautor Michael Crichton in seinem Roman Beute mit etwas zu viel Fantasie beschrieben hat.

Statt eines Angriffs der Killermaschinchen fürchten Forscher negative Auswirkungen der Nanopartikel auf Umwelt und Gesundheit. Denn die Winzlinge entwickeln mitunter Fähigkeiten, die sich grundlegend von den altbekannten Eigenschaften ihres Ausgangsmaterials unterscheiden – und das womöglich auch im menschlichen Körper. Dass sie die Möglichkeit haben, darin einzudringen, steht außer Frage:Viele der neuen Nanoprodukte werden sprühförmig angewendet und könnten daher eingeatmet werden. Dazu gehören nicht nur die wohlriechenden Raumsprays, sondern auch spezielle Farben und Lacke oder Imprägniersprays.Auch von Produkten wie kratzfesten Autolacken, in denen die Nanoteilchen eigentlich fest verankert sind, geht eine potenzielle Gefahr aus: Die winzigen Partikel könnten bei der Herstellung oder gegen Ende des Lebenszyklus des Produktes freigesetzt werden.

Die Nanotechnologie-Studie des Rückversicherers Swiss Re kommt zu dem Schluss: „Schon jetzt deutet einiges darauf hin, dass gewisse Nanomaterialien das Potenzial haben, gesundheitliche Schäden hervorzurufen.“ Zudem könnten sich die oftmals nicht abbaubaren Partikel in der Natur ansammeln: im Erdreich und im Grundwasser.

Wie gravierend diese Bedrohung ist, kann noch niemand sagen.Die größte Gefahr liegt für ATZGeschäftsführer Lutz Cleemann daher ganz woanders: „Das eigentliche Risiko der Nanotechnologie ist die Lücke, die zwischen ihrer dynamischen Entwicklung und dem Wissen um mögliche Gefahren und den gültigen Sicherheitsstandards zur Vermeidung negativer Auswirkungen besteht.“ Nanotechnologie steckt, verglichen mit ihren Möglichkeiten, noch in den Kinderschuhen, doch es ist bereits eine Vielzahl von Produkten auf dem Markt, die Nanotechnologie nutzen.

„Bislang gibt es noch keinen Bedarf für spezielle Versicherungen für Nanotechnik-Anwendungen“, sagt Thomas Epprecht von der Swiss Re. Nanotechnologie ist trotz vieler Fragezeichen bislang nicht von herkömmlichen Versicherungen ausgeschlossen – und insofern eben versichert.„ Wenn eine Firma eine Produkthaftpflicht- Versicherung einkauft, fallen unter diese Dekkung in der Regel alle Produkte“, so Epprecht, „denn wir decken Firmen, nicht Technologien.“ Große Unternehmen bringen nahezu täglich neue Produkte auf den Markt, „die können Sie nicht jedes Mal neu versichern“, erklärt Epprecht. „Nanoprodukte sind im Rahmen der Produkt-, Betriebsoder Umwelthaftpflicht versichert“, bestätigt Gerhard Schmid, der bei der Münchener Rück das Referat „Casualty Risk Consulting“ leitet.

Ein generelles Problem an der Nanotechnologie ist die ungenaue Begrifflichkeit

„Nanotechnologien werden querbeet über zahlreiche Branchen angewendet, es gibt nicht die Nanotechnologie an sich und vieles wird Nano genannt, ohne Nano zu sein“, erläutert Epprecht.„Wenn ich spezielle Nanotechnologie-Deckungen anbieten möchte, dann muss ich technisch und rechtlich einwandfrei die Grenze ziehen können.“ Doch das scheitert am sprachlichen Unvermögen,Nanomaterialien von chemisch identischen, aber größeren Stoffen mit gleicher Bezeichnung einwandfrei abgrenzen zu können. Die Größe allein, also die Winzigkeit der Partikel, reicht nicht als Unterscheidungsmerkmal. Nanoskalig sind auch Moleküle der klassischen Chemie. Es fehlen die – auch rechtlich verbindlichen – Abgrenzungskriterien, die den veränderten physikalischen, optischen und mechanischen Eigenschaften von Nanopartikeln Rechnung tragen: Die Sonnenschutzfaktoren Titaniumdioxid und Zinkoxid etwa, die in ihrer bisherigen größeren Form Sonnenmilch weiß färben, werden, in Nanogröße verarbeitet, zu einem transparenten Stoff.

Die Begeisterung für Asbest hielt Jahrzehnte, dann wurde allen klar: Das ist Teufelszeug.

Dass sich ein zunächst hoch gelobtes Produkt nicht unbedingt zum Vorteil der Menschheit entwickeln muss, hat im vergangenen Jahrhundert bereits das Beispiel Asbest gezeigt. Der Werkstoff galt als eines der besten brandhemmenden und feuerfesten Materialien auf dem Markt – zumal die einzelnen Asbestfasern weder giftig noch chemisch bedenklich waren. Die Begeisterung für Asbest hielt viele Jahrzehnte an, erst dann wurde klar:Allein aufgrund ihrer Größe können die spitzen Fasern schwer wiegende Schäden im menschlichen Lungengewebe hervorrufen, bis hin zum Lungenkrebs. Von den ersten Warnhinweisen bis zur Umsetzung international gültiger Regeln vergingen beinahe hundert Jahre. Verbindliche Schutzmaßnahmen wurden erst eingeführt, als schon viele Menschen unheilbar erkrankt waren. Teure Lehrjahre für die Versicherungsbranche: Allein in den USA haben Asbest und die damit verbundenen Ansprüche die Versicherer und Rückversicherer bislang 135 Milliarden Dollar gekostet. Und viele Asbestschäden sind noch gar nicht beglichen.Weitere 200 Milliarden drohen. „Vereinzelte Studien hatten auch damals schon im Vorfeld auf potenzielle Risiken hingewiesen“, schreibt die Swiss Re in ihrer Nanotechnologie- Studie. „Ohne Langzeiterfahrung konnte das wahre Ausmaß des Schadens jedoch nicht annähernd vorhergesehen werden.“ Die Assekuranz muss aus der Vergangenheit lernen, ohne die Nanotechnologie an sich zu verteufeln und damit den Unternehmen die Forschung zu erschweren. Die Versicherer können sich auf die Nanotechnologie freuen: Je mehr produziert wird, desto mehr muss versichert werden. „Wenn Nanotechnologie- Produkte sicher sind, kann die Assekuranz auf Basis eines gesunden Risikomanagements davon profitieren“, sagt Gerhard Schmid von der Münchener Rück.

Auch die Swiss Re ist als Rückversicherer im Besonderen daran interessiert, dass das Thema Nanotechnologie mit der richtigen Mischung aus Vorsicht und Zuversicht angegangen wird: „Macht euch schlau und sprecht mit euren Kunden! – Das ist unsere Message, die sich gerade an die Erstversicherer richtet“, so Thomas Epprecht. „Alle Beteiligten – Produzenten, Konsumenten, Versicherer und der Staat – müssen miteinander reden, sich frühzeitig auf neue Herausforderungen vorbereiten, um zu detektieren, was auf die Assekuranz zukommt“ resümiert Gerhard Schmid.

TEXT: Ansgar Schneider und Marc Baumann.

GDV Position
Eins steht fest: Die Nanotechnologie birgt sowohl Chancen als auch Risiken. Die Versicherer müssen aus der Vergangenheit lernen: Um unvorhergesehene Folgen wie bei Asbest zu vermeiden, muss grundlegende Forschung betrieben werden, ohne die neue Technologie zu verteufeln. Dann können bald alle davon profitieren.