20.07.2006
Autodiebstahl

Gestohlen. Zerlegt. Verkauft!

Der einzelne Autodieb ist Vergangenheit. Längst beherrschen organisierte Banden den Pkw-Klau. Ihre neueste Methode: In abgelegenen Hallen zerlegen sie die gestohlenen Autos in ihre Einzelteile und verkaufen sie mit wenig Risiko im In- und Ausland. Ein Zustandsbericht.

Meist liegen die Hallen unscheinbar im Grünen, nicht weit von der Stadt entfernt. Man könnte glauben, hier sei die Welt noch in Ordnung. Doch hinter den Hallentoren verbirgt sich ein Phänomen, das neue Dimensionen erreicht hat: die Ausschlachtung gestohlener Autos, gehobene Mittelklasse. VW, BMW und Audi sind am begehrtesten. Kotflügel, Navigationsgerät, Rückspiegel, Lenkrad, Motorblock, Scheinwerfer, Getriebe – alles, was sich als Ersatzteil verhökern lässt, wird ausgebaut. Nach Ansicht der Ermittler sind die so genannten Zerlegehallen quer über die Bundesrepublik verteilt, verstärkt im Norden, „weil da die Verbindungen nach Osteuropa kurz und gut sind, auch über See“, sagt Karsten Linke, Experte beim GDV in der Abteilung Kriminalitätsbekämpfung. Die Absatzmärkte reichten über die östlichen Nachbarländer hinaus bis nach Russland, Weißrussland und in die Ukraine, aber auch in den Nahen Osten und nach Afrika.

Das Geschäft lohnt sich: Der Teilverkauf übers Internet ist risikoarm, der Transport einfach, die Gewinnspanne hoch. In Containern oder Lastwagen werden die Teile nach Osteuropa geschafft. Was Geld bringt, liegt gut getarnt unter Autoschrott. Die Gefahr, dabei entdeckt zu werden, ist viel geringer, als wenn man mit einem gestohlenen Auto über die Grenze fährt – aber es gibt sie doch: Inzwischen hat die Polizei mehrere Zerlegerbanden ausgehoben.

Die Ermittler wissen: Autoklau spielt sich fast nur noch im Bereich der organisierten Kriminalität ab, mit international operierenden Banden, die eine arbeitsteilige Organisationsstruktur und verschiedene Vorgehensweisen haben. Die elektronische Wegfahrsperre stellt für die spezialisierten Täter schon seit einigen Jahren kein Hindernis mehr dar. Zwar versuchen die Autohersteller mit neuen Systemen die Diebe abzuschrecken, doch meist dauert es nur ein, zwei Jahre, bis die Autoknacker nachgerüstet haben – zumal die Banden nicht nur eine Variante des Autodiebstahls kennen.

Home-Jacking (Klau des Originalschlüssels aus der Wohnung), Car-Jacking (Diebstahl des Autos unter Androhung von Gewalt, während der Besitzer im Auto sitzt) oder Showroom-Jacking (Einbruch in ein Autohaus) sind bekannte Methoden. Der einzelne Autodieb – das war einmal. Anfang der neunziger Jahre meldeten noch jährlich 140 000 Autobesitzer ihr Fahrzeug als gestohlen. Im Jahr 2004 waren es nach Angaben des GDV knapp 30 000. Die elektronische Wegfahrsperre zeigte Wirkung. „Gelegenheitsdiebstähle neuer Autos sind bei der heutigen Technik kaum möglich“, sagt Josef Erhardt, Sachgebietsleiter beim Bayerischen Landeskriminalamt (LKA) für Kraftfahrzeugdiebstahl und -verschiebung. Weil die Diebe es aber immer mehr auf noble Karossen abgesehen haben, ist die Schadensumme für die Versicherer immer noch gewaltig: 285 Millionen Euro im Jahr 2004. Ganz oben auf der Beliebtheitsliste der Knacker steht derzeit der Geländewagen X5 von BMW. Neupreis: zwischen 50 000 und 100 000 Euro. Allein im Raum München sind zwischen März und Ende Juni knapp dreißig X5-Modelle entwendet worden. Den Schaden hat die Teilkaskoversicherung.

Im Kampf gegen die Autodiebe fordert der GDV von den Autoherstellern und Zulieferbetrieben eine Reihe von Verbesserungen. Elektronische Geräte wie Navigationsanlagen oder Radios sollten, so Karsten Linke, einen auslesbaren Chip haben, der neben der Seriennummer auch Daten zum Fahrzeug enthält. Außerdem sollten auf allen hochwertigen Fahrzeugteilen Individualnummern aufgebracht sein. „Wir wollen, dass die Verwertung solcher Teile weiter erschwert wird“, sagt Linke. „Für den Täter bedeutet es einen hohen Aufwand, überall die Nummer zu entfernen.“

Linke hofft auch auf den kritischen Bürger, der misstrauisch wird, wenn ihm Autoersatzteile zu Spottpreisen angeboten werden. „Bei elektronischen Geräten sollte man immer die Bedienungsanleitung, die Garantiekarte und eine Kopie der Rechnung einfordern“, sagt der GDV-Experte. Und wer sich davor schützen will, dass sein Auto irgendwo im Grünen in einer Halle zerlegt wird, für den hat Linke einen einfachen Tipp: Das Auto in die Garage stellen.

TEXT: Matthias Eggert, freier Journalist in München.
GDV-Ansprechpartner: Katrin Rüter, Tel. 030/20 20-51 83.

GDV Position
Um organisierte Autodiebe vom Ausschlachten gestohlener Autos abzuschrecken, sollten die Autohersteller Geräte wie zum Beispiel Navigationsanlagen mit einem Chip versehen,der neben der Seriennummer auch Daten zum Fahrzeug selbst enthält.