20.07.2006
Gegenpositionen

Entschuldigen Sie Herr Blüm, aber das stimmt so nicht

Dr. Norbert Blüm war 16 Jahre Arbeits- und Sozialminister im Kabinett von Altbundeskanzler Helmut Kohl. Damals prägte er den heute umstrittenen Satz „Die Rente ist sicher“. Jetzt hat er in der ARD-Sendung Beckmann eine Aussage in die Welt gesetzt,die wir so nicht stehen lassen können.

Es stimmt nicht, dass eine Vielzahl der Lebensversicherungsunternehmen den Stresstest nicht bestanden hat. Im Gegenteil: Bestanden haben den Stresstest alle Lebensversicherer! Das bestätigte erst im Mai 2006 die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) auf ihrer Jahrespressekonferenz. Die von Herrn Blüm gelegentlich zitierte Zahl beschreibt die Situation im Jahr 2003, das nicht nur lange zurückliegt – in jenem Jahr waren die Lebensversicherer sowie die deutsche Wirtschaft insgesamt auch der schwersten Kapitalmarktkrise seit einhundert Jahren ausgesetzt.

Für den unbefangenen Betrachter drängt sich durch die falsche Aussage der Eindruck auf, als könnten viele Lebensversicherer ihren Kunden keine ausreichenden Reserven für ihre Ansprüche bieten. Dies ist erstens nicht der Fall und zweitens sagt ein Stresstest hierüber auch nichts aus. Vielmehr gibt der Stresstest Aufschluss darüber, wie viele zusätzliche Reserven aktuell vorhanden sind, um künftige schwere Kapitalmarktkrisen abzufedern. Entsprechend wiesen die zum Ende der schweren Kapitalmarktkrise 2003 durchgeführten Stresstests bei einer Minderheit der Lebensversicherungsunternehmen auf einen Rückgang der Risikotragfähigkeit und damit auch auf die Notwendigkeit von Änderungen im Risikoprofil hin. Denselben Effekt zeigt jeder Stoßdämpfer am Auto in der Sekunde des Überfahrens einer Bodenwelle an: Er ist zusammengepresst, kann also einen im fast gleichen Moment eintretenden weiteren Schlag nicht mehr optimal abfedern. Die zur Abfederung erneuter Kapitalmarktrückgänge nötigen Risikopuffer waren aber schon 2004 durch Veränderungen im Risikoprofil und durch Abklingen der Krise bei der Mehrzahl der Unternehmen wieder aufgebaut.

Falsch ist auch die Aussage, private Renten seien ebenso von der Demografie betroffen wie das umlagefinanzierte Rentensystem und deshalb ebenfalls unsicher. Denn die von der heutigen Erwerbstätigengeneration aufgebauten Kapitalanlagen werden mit Rentenbeginn nicht auf einen Schlag aufgelöst. Das angesparte Kapital wird während der gesamten Rentenlaufzeit sukzessive verzehrt und nur zum Teil aus Wertpapiererlösen bestritten. Zudem stammen die Kapitalanlagen auch zu erheblichen Teilen aus den in der Leistungsphase anfallenden Kapitalerträgen.

Die Bildung einer zusätzlichen privaten Kapitaldeckung sichert nicht nur die Altersvorsorge der Bürger, sondern auch die Überlebensfähigkeit des umlagefinanzierten Rentensystems. Bedingt durch den demografischen Wandel werden künftig weniger Menschen erwerbstätig sein als heute. Damit wächst die Notwendigkeit, die Produktivität der Wirtschaft insgesamt zu erhöhen und so ausreichend hohe Lohneinkommen zu generieren, um das heutige Umlageverfahren der staatlichen Rentenversicherung zu finanzieren. Dafür braucht man wieder Investitionen, die gerade aus der zusätzlichen Kapitaldeckung finanziert werden können.

Umlagefinanzierung und zusätzliche Kapitaldeckung sind entgegen der von Herrn Blüm zur Polarisierung der Debatte vertretenen Position also kein Gegensatzpaar, sondern sie ergänzen sich. Nur wer den Handlungsbedarf in der Gegenwart erkennt und umsetzt, schafft Chancen in der Zukunft – für die Arbeitnehmergeneration und auch die Rentnergenerationen von morgen und übermorgen.

GDV-Ansprechpartner:
Peter Schwark
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