15.05.2006
Indien

Lebensversicherung für 80 Cent

Die Versicherungswirtschaft betritt einen neuen Markt: die Dritte Welt. So genannte  Mikroversicherungen mit geringen Prämien unterstützen arme Menschen, die sich eine  Existenz aufbauen und absichern wollen. Vertrieben werden die Versicherungen oft über  Nichtregierungsorganisationen. Der Deal könnte sich für alle Seiten lohnen.

Chandramukhi Singhs Mann war Bauarbeiter in einer kleinen indischen Provinz. Er starb bei einem Unfall, ein Tritt ins Leere, ein Sturz vom Dach eines Rohbaus. Der Kredit, den er für seine Familie aufgenommen hatte, war noch lange nicht zurückgezahlt, und keines seiner sechs Kinder konnte schon für sich selbst sorgen. Im Normalfall bedeutet ein solcher Schicksalsschlag in Indien den sofortigen finanziellen Ruin einer ganzen Familie. Doch Chandramukhi hatte ihren Mann vor eineinhalb Jahren überredet, eine Lebensversicherung abzuschließen: für 80 Euro-Cent im Jahr.

Mit den 350 Euro, die sie nun von der Bajaj Allianz, einem indisch-deutschen Joint Venture, bekam, konnte Chandramukhi die mit dem Tod des Mannes fällige Kreditrückzahlung begleichen, in ihrem Fall 80 Euro, und damit verhindern, dass ihre Familie in eine Schuldenspirale geriet. Außerdem konnte sie die Beerdigung bezahlen und eine Ziege anschaffen. Chandramukhi Singhs Familie ist in den ländlichen Gegenden Indiens eine große Ausnahme. Denn eine wirkungsvolle soziale Sicherung fehlt in vielen Staaten der Dritten Welt. Jedes Unwetter, jeder Unfall, jede Krankheit gerät schnell zum Existenzrisiko – gerade bei armen Menschen, die keine Rücklagen haben, braucht es nur ein kleines Unglück zur Verelendung.

GDV Position
Mikroversicherungen sind trotz ihres niedrigen Werts starke Produkte. Sie helfen Menschen in armen Ländern ihre Existenz zu sichern und bedeuten für Versicherungsunternehmen einen großen Schritt in einen potenziellen Massenmarkt.

Singhs Familie hatte Glück. Sie profitiert von einer relativ neuen Entwicklung auf dem Versicherungsmarkt: der Mikroversicherung, die speziell auf einkommensschwache Menschen in Entwicklungsländern zugeschnitten ist. Versicherungsschutz ist nicht erst dann möglich, wenn westlicher Lebensstandard erreicht ist. Mikroversicherungen ermöglichen oft erst den Aufbau von finanzieller Sicherheit, indem sie die Schulbildung und ärztliche Versorgung für die Kinder sichern. In Deutschland haben schon im 19. Jahrhundert Sparkassen und Genossenschaftsbanken für ähnliche Dienste gesorgt, wie sie Mikrofinanzinstitute heute in armen Ländern erst einführen. Zwei Dinge sind charakteristisch für Mikroversicherungen: Sie basieren auf dem Gruppenprinzip und auf der Kooperation mit lokalen Nichtregierungsorganisationen (NRO). In Indien sind das zum Beispiel die Activists For Social Alternatives (ASA). Sie organisierten den Zusammenschluss von etwa 50.000 armen Versicherungsnehmern, vor allem Frauen, für das Projekt „Invest Gain“ der Bajaj Allianz, einer Lebensversicherung für natürlichen Tod und Unfalltod. Für diese Menschen wurde ein einziger Gruppenvertrag geschlossen. Die individuelle Kundenakquirierung und -beratung vor Ort wäre für ein deutsches Unternehmen äußerst zeitaufwändig und viel zu teuer.

Ohne Nichtregierungsorganisationen wären Mikroversicherungen kaum durchführbar, sie bieten effiziente Organisationsstrukturen für Marketing, Prämienverwaltung und Schadensprüfung. Als Gruppenversicherungsnehmer können sie günstigere Tarife aushandeln. Zuvor müssen jedoch die Menschen vor Ort erst von dem Sinn einer Police überzeugt werden. „NROs haben das Vertrauen der Bevölkerung, ihnen glauben die Menschen eher, dass diese Versicherung das Geld wert sind“, sagt Gabriele Ramm von der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), die gemeinsam mit der Allianz den Bedarf für deren Kleinstversicherungen eruiert hat. Als Erstes muss der meist ungebildeten Bevölkerung erklärt werden, wie eine Versicherung funktioniert. Viele sind, wie auch Chandramukhi Singhs Mann, sehr misstrauisch. Er glaubte seinen Dorfältesten, die sagten, Versicherungen nähmen viel und gäben wenig. Anfangs kamen zu den Leuten der ASA noch oft Menschen und wollten nach Ablauf eines Jahres ihre Versicherungsprämie zurückhaben. Weil keiner gestorben war, hatten sie kein Geld bekommen, und wer zahlt schon gern für nichts?

„Deswegen waren auch die Erneuerungsraten sehr niedrig, zum Teil unter zehn Prozent“, sagt Ramm. Sie kommt gerade aus Indien zurück, wo sie mit Partnerorganisationen verhandelte. Wieder wurde sie mit einem neuen Problem konfrontiert: der schnellen Schadensabwicklung. Denn wenn der Ernährer einer Familie stirbt, benötigt sie das Geld umgehend, nicht erst nach eingehender Prüfung. „Da hilft es uns sehr, dass wir NROs haben. Ohne ihre Hilfe vor Ort wäre eine zügige Prüfung und schnelle Weiterleitung des Geldes nicht möglich.“ Mitunter werden Versicherungssummen in aller Öffentlichkeit ausgezahlt, um den Menschen zu demonstrieren, dass Versicherungen zu ihren Verträgen stehen, erzählt Mosleh Ahmed vom britischen Microinsurance Research Centre (MRC), einer Non-Profit-Organisation, die für Mikroversicherungsprojekte wirbt, aber sie auch kritisch beobachtet. „Im Mikroversicherungsgeschäft muss man mit dem Rechner denken, nicht mit dem Herz“, weiß man dort. Und es funktioniert: Nach dreieinhalb Jahren vermeldet die Allianz 87 Schadensfälle, hat 85.000 Euro an Prämien eingenommen und bereits 40.000 Euro für regulierte Schäden bezahlt. Auch wenn Verwaltungskosten abgezogen werden, bleibt „Invest Gain“ im schwarzen Bereich, da die ASA weitgehend die Organisation und auch die Schadensregulierung übernommen hat.

Für internationale Unternehmen wie die Allianz oder die Münchener Rück sind das natürlich nur Kleinstbeträge. „Riesige Umsätze werden Kleinstversicherungen wohl nicht einbringen, dafür öffnen wir uns aber mittelfristig einen potenziellen Massenmarkt“, sagt Werner Zedelius, Allianz Vorstandsmitglied für Wachstumsmärkte. In der Tat ist die Nachfrage enorm: „Etwa zwei Milliarden Menschen in Dritte-Welt-Ländern bräuchten dringend Versicherungsschutz, aber nur ein Prozent hat ihn bereits“, sagt Mosleh Ahmed. Aber auch Politiker und Aufsichtsbehörden in Afrika, Asien und Lateinamerika beobachten, ob sich ausländische Investoren lediglich für die Wohlhabenden eines Landes interessieren – oder ob auch Arme von den Produkten und Dienstleistungen profitieren. In Indien müssen Unternehmen per Gesetz 15 Prozent ihrer Investitionen in ländlichen Regionen tätigen. Die Arbeit der Allianz etwa verfolgen die Regulierungsbehörden in Indien mit Interesse und Anerkennung. In einem Wachstumsland wie Indien könnten zudem in zwanzig Jahren größere Schichten den Schritt aus der Armut schaffen. Mikroversicherungen sind also ein Vertrauensbeweis, der sich eines Tages durchaus lohnen könnte.

Die Allianz hat darum in Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen und der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) eine Studie erstellen lassen, um zu prüfen, ob sie auch in Indonesien und Laos Risikolebensversicherungen für einkommensschwache Familien anbieten soll. Die Aufgabe lautete, den Bedarf an Mikroversicherungen zu ermitteln und effiziente Vertriebsnetze zu identifizieren. Für Indonesien gibt die Marktanalyse nun grünes Licht, „in Laos hingegen ist das Finanzsystem noch nicht gut genug ausgebaut“, sagt Michael Anthony, Sprecher der Allianz Group.

Ohne Banken, ländliche Genossenschaften oder Kredit- und Spargruppen vor Ort funktioniert das Geschäft nicht. Mikroversicherungen sind oft an Mikrokredite gebunden, solche Kleinkredite haben sich in der Dritten Welt seit den siebziger Jahren bewährt, in Kolumbien etwa sichern sie fast sechzig Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Diese Mikrokredite werden zunehmend an Lebensversicherungen gekoppelt. Davon profitieren beide Seiten: der Kreditgeber, weil er größere Chancen auf Rückzahlung hat, und die Angehörigen des Versicherten, die bei seinem Tod den Kredit zurückzahlen müssen und dafür die Todesfallsumme verwenden können.

Zwar machen Lebensversicherungen noch den Großteil der Mikroversicherungen aus, aber auch auf anderen Gebieten sind Versicherungskonzerne aktiv. Es klingt kurios, aber in Indien gehören dazu zum Beispiel auch Viehzuchtversicherungen. Eine Kuh ist durch ihre Milch für ihren Besitzer eine beständige Einnahmequelle und außerdem wichtig für den Ackerbau. Fährt nun ein Lkw eines der meist frei laufenden Tiere an und es verendet, ist über die Versicherung wenigstens ein Teil des Wertwegfalls gedeckt. Eine Zeit lang versuchte man diese Versicherung auch bei Ziegen, bis der Missbrauch Überhand nahm.„Eine Ziege ist schnell geschlachtet oder verschenkt. Bei einer Kuh bekommt das jeder im Dorf mit“, sagt Gabriele Ramm.

In der Landwirtschaft kann ein großes Risiko allerdings auch von Mikroversicherungen nicht abgedeckt werden: der Ernteausfall. Wenn solche Versicherungen angeboten werden, sind sie meist von staatlichen Stellen und kräftig subventioniert. „Das trägt sich nie und nimmer“, sagt Ramm. Der indische Versicherer ICICI Lombard führt gerade ein Pilotprojekt durch, das eine Index-basierte Versicherung beinhaltet, die sich nach Regenfall richtet. Sprich: Je trockener das Wetter, desto höher die Auszahlung an den Versicherungsnehmer. Ähnliches überlegen derzeit auch andere Anbieter. Zu den Indikatoren der Projekte gehören Temperatur oder Wind. Noch ist das Zukunftsmusik, der Markt für Mikroversicherungen braucht seine Zeit. In Kooperation mit der GTZ könnte die Allianz schon bald in Indonesien erste Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen in allen Facetten des Versicherungswesens schulen. Auch andere Versicherungen versuchen sich daran, Unternehmen wie die ICICI Lombard oder der US-Branchenriese AIG engagieren sich beispielhaft. AIG etwa hat in Uganda bereits 1,6 Millionen Lebensversicherungen abgeschlossen, das heißt mit rund sieben Prozent der Bevölkerung. Die GTZ hat in Indien in einer Partnerschaft mit einer staatlichen Versicherung eine halbe Million Versicherungen abgeschlossen.

Auch Rückversicherer wie die Münchener Rück interessieren sich für den Mikroversicherungsmarkt. Zwei Pilotprojekte laufen intern bereits, „noch gibt es viele ungelöste Herausforderungen, aber der Markt ist für uns sehr interessant, wir sehen ein großes Wachstumspotenzial“, sagt Andreas Moser, Mitglied des Innovative-Solution- Teams der Münchner Rück. „Das Erfolgsgeheimnis für einen nachhaltig wachsenden Mikroversicherungsmarkt ist, dass Mikroversicherungen für alle Beteiligten in der Wertschöpfungskette profitabel sein müssen“, fordert Moser.

„Die Entwicklung und Verbreitung von Mikroversicherungen steckt noch in den Kinderschuhen“, sagt Dirk Reinhard, stellvertretender Geschäftsführer der Münchener Rück Stiftung. Reinhard hat im Oktober vergangenen Jahres die internationale Fachkonferenz „Making Insurance Work for the Poor“ im bayerischen Hohenkammer organisiert. „Es ist die Verantwortung aller Beteiligten, ihre Anstrengungen zur Überwindung der bestehenden Hürden zu verstärken, damit Millionen von Menschen selbstbestimmte Wege aus der Armut finden können“, sagt Reinhard.„Das wird nur gelingen, wenn sich die private Versicherungswirtschaft an diesem Prozess beteiligt.“ Die Münchener Rück Stiftung möchte dazu als Plattform zum Austausch von Wissen und Erfahrungen in den nächsten Jahren ihren Beitrag leisten.

Oft lassen sich scheinbar große Probleme mit ein bisschen Kreativität überwinden. In Indien erwies sich etwa ein Kurzspielfilm im Bollywood- Stil als hilfreich: Er erklärt Sinn und Zweck der Versicherung durch die Geschichte eines Mädchens, das seinen Vater verliert. Weil aber seine Eltern eine Lebensversicherung abgeschlossen haben, kann es seine Ausbildung zur Lehrerin absolvieren. Ein Film mit doppeltem Happyend – für die Schauspieler auf der Leinwand und für das Publikum im echten Leben.

Bastian Obermayer und Marc Baumann arbeiten als freie Journalisten in München.