15.05.2006
Interview

„Der Mehrheit ist bewusst geworden, dass sie im Alter weniger Geld haben wird – Das ist ein Realitätsschock!“

Professor Renate Köcher,Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach, erläutert im Interview die Ergebnisse ihrer Studie zur Altersvorsorge und fordert die Deutschen auf, sich stärker mit dem Thema Rentenplanung zu beschäftigen.

ZUR PERSON

Professor Renate Köcher, 53, wurde in Frankfurt am Main geboren und studierte in Mainz und München Volkswirtschaftslehre, Publizistik und Soziologie. 1985 promovierte sie zum Thema „Berufsethik von deutschen und britischen Journalisten“. Ab 1977 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts für Demoskopie Allensbach, dessen Geschäftsführung sie 1988 übernahm und bis heute innehat. 2003 wurde ihr der Professorentitel verliehen. Renate Köcher schreibt regelmäßig für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und sitzt unter anderem im Aufsichtsrat der Allianz AG, BASF AG, MAN AG und der Infineon Technologies AG.

Frau Köcher, erinnern Sie sich noch an den prägenden Politikersatz „Die Rente ist sicher“?

Natürlich. Er wurde von der Mehrheit lange Zeit so interpretiert, dass die Renten stabil bleiben oder steigen werden.

Und was sagt die Mehrheit heute?

Mittlerweile rechnet die große Mehrheit auf Sicht von zehn Jahren mit sinkenden Renten, viele sogar mit einer deutlichen Absenkung.

Was genau hat sich in den vergangenen Jahren geändert?

Der Bevölkerung ist bewusst geworden, was die demografische Entwicklung bedeutet.Wenn deren Auswirkungen frühzeitig berücksichtigt worden wären – die Konsequenzen ließen sich ja seit dem Pillenknick Ende der sechziger Jahre relativ gut abschätzen –, wäre es wesentlich leichter gewesen, die notwendigen Reformen durchzuführen.Schon damals war klar, dass sich die Gewichte zwischen staatlicher und privater Absicherung verschieben müssen. Jetzt müssen die notwendigen Anpassungsmaßnahmen natürlich in einer wesentlich kürzeren Zeit erfolgen,und die Bevölkerung muss entsprechend konsequent ihre Alterssicherung aufrüsten.

Sie haben soeben eine repräsentative Studie zur Vorsorgeplanung der Deutschen vorgelegt. Wie lauten Ihre Ergebnisse?

Die Menschen wissen, dass sie sich sehr intensiv und auch in regelmäßigen Abständen mit ihrer Altersvorsorge beschäftigen müssen. Nur eine Minderheit setzt das jedoch auch konsequent um. Wo liegt das Problem? Viele trauen sich diese langfristige Planung bisher nicht zu.Nur die Hälfte hat sich bisher intensiv mit dem Thema auseinander gesetzt und nur ein Drittel hat bereits versucht,die eigene finanzielle Lage im Alter genauer zu berechnen. Das Kernproblem ist, dass die Mehrheit glaubt, weder die Einnahmen- noch die Ausgabenseite im Alter verlässlich kalkulieren zu können. Selbst die Mehrheit der 50- bis 60-Jährigen bezweifelt, dass sie ihre Einnahmen und Ausgaben im Alter in einer gewissen Bandbreite verlässlich abschätzen kann.

Warum?

Ich denke, das haben die meisten einfach noch nicht versucht und entsprechend trainiert. Natürlich lässt sich das in einer gewissen Bandbreite berechnen. Das tun viele in einem anderen Zusammenhang ja durchaus, nämlich bei der Finanzierung eines Hauses. Eine solche Finanzierung zieht sich bei vielen über Jahrzehnte hin, und entsprechend werden hier auch über längere Fristen Einnahmen und Ausgaben kalkuliert.Und so,wie die Finanzierung eines Hauses langfristig geplant wird, muss genauso die Altersvorsorge geplant werden. Natürlich muss in Abständen immer wieder überprüft werden, ob die Prämissen dieser Planung noch stimmen oder ob Korrekturen bei den Einnahmen- und Ausgabenschätzungen vorgenommen werden müssen.

An den Ergebnissen Ihrer Studie ist auffällig, dass Menschen mit einem geringeren Einkommen weniger an ihre Altersvorsorge denken als so genannte Besserverdiener. Können Sie das erklären?

Für jemanden, der nur wenige Ressourcen hat und sein Einkommen weitgehend verbraucht, scheint die Auseinandersetzung mit dem Thema Altersvorsorge zunächst einmal undankbar. Bei Geringverdienern ist die Überzeugung weit verbreitet, dass man sowieso keine Möglichkeiten habe, die eigene Situation im Alter positiv zu beeinflussen, und es deswegen auch wenig Sinn mache, sich mit diesem Thema auseinander zu setzen. Gerade für diese Gruppe ist es aber besonders wichtig, sich klar zu werden,wie die eigene finanzielle Lage mit dem Ausscheiden aus dem Beruf aussehen wird. Wie wichtig eine solche Überprüfung für alle Einkommensschichten ist, zeigt die Bilanz, die diejenigen ziehen,die sich schon näher mit ihrer Situation im Alter auseinander gesetzt haben.Der Mehrheit ist dabei bewusst geworden, dass sie im Alter weniger Geld zur Verfügung haben wird, als sie ursprünglich angenommen hat. Nur fünf Prozent waren nach der Abschätzung ihrer Einnahmenund Ausgabenseite angenehm überrascht in dem Sinne, dass sie ihre Situation im Alter ungünstiger eingeschätzt hatten, als sie voraussichtlich sein wird.

Was müsste der Einzelne bei der Analyse der eigenen Versorgungssituation berücksichtigen?

Auf der einen Seite muss man sich den eigenen Bedarf genau anschauen, die zu kalkulierenden fixen Kosten. Sie müssen auf die Frage hin geprüft werden,was davon im Alter erhalten bleibt,welche Kosten niedriger,welche voraussichtlich höher liegen werden. Es gibt ja auch Kosten, die entfallen, zum Beispiel Ausgaben für die Ausbildung der Kinder. Auf der anderen Seite hat die Entwicklung der Energiekosten in den letzten zwei Jahren gezeigt, dass hier für die Zukunft nicht fest von den derzeitigen Kosten ausgegangen werden kann. Des Weiteren sind die voraussichtliche Höhe von Rente bzw. Pension zu kalkulieren, die Einkünfte aus Vermögen, aus der privaten Altersvorsorge oder dem Immobilienbesitz.

Welche Grundlagen gehören noch zur Berechnung der individuellen Alterseinkünfte?

Es stehen die Mitteilungen der gesetzlichen Rentenversicherung zur Verfügung, genauso Mitteilungen aus der privaten oder betrieblichen Altersvorsorge. Mittlerweile sind die jährlichen Mitteilungen, die die Versicherungsunternehmen an ihre Kunden verschicken, fast überall die Regel. Dies erleichtert die Planung der Einkommenssituation für den Einzelnen erheblich.

Frau Köcher, haben Sie schon mal ausgerechnet, wie viel Geld Sie persönlich im Alter ungefähr zur Verfügung haben werden? Ich kann das relativ gut überblicken. Als Frau gehören Sie damit zu einer Minderheit. Nur 32 Prozent der Frauen in Deutschland haben das bisher getan, wohingegen 40 Prozent der Männer über ihr Vermögen im Alter nachdenken. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Viele Frauen sind nicht oder nur stundenweise berufstätig und verfügen daher nicht über nennenswertes eigenes Einkommen.Und in vielen Familien ist das Thema Altersvorsorge „Männersache“. Frauen beschäftigen sich nach wie vor viel zu wenig mit ihrer finanziellen Situation im Alter und sind im Durchschnitt auch schlechter abgesichert.

Der Unterschied zwischen Ost und West ist noch größer als der zwischen Mann und Frau. Überrascht Sie das 16 Jahre nach der Wiedervereinigung?

Eigentlich nicht. Das hängt in hohem Maße mit der unterschiedlichen Vermögenssituation in Ost und West zusammen.Der Anteil der Bevölkerung ohne nennenswerte Rücklagen ist in Ostdeutschland wesentlich höher als in Westdeutschland, wo man über Jahrzehnte Vermögen bilden konnte. Gerade der Immobilienbesitz ist in Ostdeutschland noch auf einem weitaus niedrigeren Niveau.

In Ihrer Studie sprechen Sie offen von einem „Realitätsschock“, der manchen Befragten befallen hat, als er sich mit seiner finanziellen Situation im Alter befasst hat. Viele halten das für Panikmache. Ist das gerechtfertigt?

Nein, das glaube ich nicht. Erstens: Es ist ein heilsamer Realitätsschock! Wenn man frühzeitig erkennt, dass man für seinen Lebensabend neben der gesetzlichen Rentenversicherung noch andere Vermögenswerte bilden muss, und diese Erkenntnis auch in die Tat umsetzt, braucht man nicht in Panik zu verfallen. Zweitens: Da wird bisweilen das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.Teilweise unterstellen auch Verbraucherschützer, es gehe nur darum, den Verbrauchern irgendwelche Produkte zu verkaufen. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass die Menschen in ausreichendem Maße vorsorgen, um sich im Alter einen akzeptablen Lebensstandard leisten zu können. Mit welchen Produkten sie das machen, ist ihre Entscheidung.

Welche Schlussfolgerungen zogen die Befragten aus diesem so genannten Realitätsschock?

Dass sie konsequenter vorsorgen müssen. Die Bevölkerung hat hier ja auch bereits in den letzten Jahren deutlich aufgerüstet.

Erstaunlich ist auch: Mehr als zwei Drittel der Befragten halten es kaum für möglich, ihren finanziellen Bedarf im Alter einigermaßen verlässlich auszurechnen,obwohl sie sich sehr wünschen, den gewohnten Lebensstandard später beizubehalten. Ist das nicht ein deutlicher Widerspruch?

Es ist zumindest sehr bemerkenswert.Denn wenn sich die eigene Lebenssituation erst einmal gefestigt hat – und das ist bei vielen schon relativ früh der Fall –, lässt sich ja die Ausgabenseite relativ gut überblicken. Natürlich muss auch das individuelle Änderungsrisiko eingeschätzt werden. Für die Versicherungswirtschaft sind Änderungsrisiken selbstverständliche Rechengrößen im Alltag.Aber die privaten Planungen werden noch viel zu wenig darauf abgeklopft, wo unter Umständen Ausgabenerhöhungen oder andere Änderungen zu erwarten sind.

Ist das allein eine Einstellungssache?

Ich denke, es ist in hohem Maße auch eine Erfahrungs- und Trainingssache. Wer in regelmäßigen Abständen seine finanziellen Planungen überprüft, entwickelt auch ein ganz anderes Gefühl für Änderungsrisiken.
Wie lange wird Ihrer Meinung nach dieser Prozess des Bewusstseinswandels in der Bevölkerung andauern?

Die Bevölkerung beschäftigt sich immer mehr mit diesen langfristigen Planungen und investiert auch immer mehr in die langfristige Vorsorge.Wichtig wird vor allem sein, auch die unteren Schichten unserer Gesellschaft in diesen Prozess mit einzubeziehen.

Wie steht es mit denen,die sich noch für zu jung halten, um sich mit dem Thema zu beschäftigen, den 20- bis 35-Jährigen?

Diese Gruppe hat natürlich das Gefühl, noch sehr viel Zeit zu haben. Für einen 25- oder 30-Jährigen liegt die Zeit nach dem 60. Lebensjahr noch in weiter Ferne. Interessanterweise ist jedoch auch die Mehrheit der unter 30-Jährigen überzeugt, dass man sich frühzeitig mit dem Thema beschäftigen sollte aber es ist natürlich noch kein Druck da, diese Erkenntnis umzusetzen.Den Jüngeren ist jedoch durchaus bewusst,dass Altersvorsorge umso unkomplizierter ist, je früher sie eingeleitet wird. Trotzdem fangen viele zu spät mit einer konsequenten Planung an.

Existiert denn ein so genannter „Point of no Return“ auf der Altersskala?

Das ist natürlich in hohem Maße eine Frage der persönlichen Einkommens- und Vermögensverhältnisse. Aber für einen Normalverdiener wird es wesentlich schwieriger, vernünftig vorzusorgen, wenn er erst jenseits des 50. Lebensjahrs mit seinen Planungen beginnt.

Weitere Ergebnisse Ihrer Studie lauten: 29 Prozent befürchten,im Alter zu wenig Geld zur Verfügung zu haben, und beschäftigen sich deshalb ungern damit.28 Prozent sagen,das Thema sei ihnen zu schwierig. 20 Prozent sagen sogar, ihnen fehle schlicht die Zeit. Können Sie das nachvollziehen?

Natürlich erscheint vielen das Thema schwierig, weil sie es noch nie durchexerziert haben. Das ist aber wirklich eine Frage der Erfahrung, des Trainings. Zeitmangel ist eher ein Vorwand. Für anderes nimmt man sich ja durchaus auch Zeit, zum Beispiel für die Steuererklärung.

Die Steuererklärung ist Pflicht, eine Vorsorgeplanung dagegen nicht.

Stimmt.Wenn mir das Finanzamt erlauben würde, aus Zeitgründen auf meine Steuererklärung zu verzichten, würde ich sie wahrscheinlich auch nicht machen. Aber Spaß beiseite. In den Köpfen der Menschen muss sich festsetzen, dass die Vorsorgeplanung ebenfalls eine Pflichtveranstaltung ist – bei der eine Unterlassung nicht wie bei einer unterlassenen Steuererklärung staatlich sanktioniert wird, aber Folgen für den Lebensstandard im Alter hat.

Die Ergebnisse Ihrer Studie decken sich fast vollständig mit den Erfahrungen des GDV:Deshalb hat der Verband auch einen Eigenvorsorge- Report entwickelt,der dem Bürger künftig einen schnellen und bequemen Überblick über die zu erwartende Monatsrente aus allen drei Säulen der Alterssicherung verschafft.Was halten Sie davon?

Gerade weil sich viele nicht zutrauen, Einnahmenund Ausgabenseite zu kalkulieren, ist es wichtig, der Bevölkerung Instrumente zur Verfügung zu stellen, die ihr bei dieser Planungsaufgabe konkret helfen.Viele werden dabei dann auch merken,dass es gar nicht so kompliziert ist, die Versorgungssituation im Alter abzuschätzen.

Details der Studienergebnisse finden Sie hier.

Das Interview führte Alexandros Stefanidis. Er arbeitet als freier Journalist in München.