20.09.2005
Solvency II

Disskussionsbeitrag für ein europäisches Standardmodell

Das laufende europäische Projekt “Solvency II” wird die europäische Versicherungsaufsicht grundlegend reformieren, mit weitreichenden Folgen für die Versicherungswirtschaft: Der Bedarf an Risikokapital wird sich am tatsächlich eingegangenen Risiko eines Versicherungsunternehmens orientieren. Damit verschiebt sich die Finanzaufsicht über Versicherungsunternehmen von einem eher quantitativen Vorgehen zu einer qualitativen Überprüfung. Dieser ganzheitliche Ansatz ist wesentlich weitreichender als “Basel II”. Dort werden Risiken nur selektiv erfasst.

Zur Berechnung des erforderlichen Risikokapitals hat die EU-Kommission zwei unterschiedliche Verfahren vorgesehen: Einen standardisierten Ansatz oder ein Internes Modell des Unternehmens, das von der Aufsicht zertifiziert werden muss. Neben vielen anderen Fragestellungen, die es im Zuge des Projekts “Solvency II” zu klären gilt, diskutieren die europäischen Versicherungsaufseher zur Zeit auf europäischer Ebene über die Ausgestaltung des Standardmodells, mit Hilfe dessen die Mehrzahl der Versicherer künftig ihre Eigenmittelanforderungen berechnen wird.

Die deutsche Versicherungswirtschaft hat diese Herausforderungen frühzeitig erkannt und bereits im Jahre 2002 ein einfaches risikobasiertes Modell veröffentlicht und Proberechnungen durchgeführt.

Die deutsche Versicherungswirtschaft hat diese Herausforderungen frühzeitig erkannt und bereits im Jahre 2002 ein einfaches risikobasiertes Modell veröffentlicht und Proberechnungen durchgeführt. Im Vorgriff auf die Diskussionen im Projekt “Solvency II” wurden die Arbeiten in Deutschland fortgeführt und das Modell weiterentwickelt. Nunmehr haben sich die BaFin als deutsche Aufsichtsbehörde und die deutsche Versicherungswirtschaft gemeinsam mit den Aktuaren auf einen Vorschlag für ein europäisches Standardmodell für “Solvency II” verständigt.

Das Standardmodell:

Das gemeinsam entwickelte Modell wird allen Anforderungen gerecht, die die EU-Kommission an ein solches Standardmodell stellt:

  • Ausgehend von einer Marktwertsicht werden alle quantifizierbaren Risiken eines Versicherungsunternehmens abgebildet.
  • Das Gesamtrisiko des Versicherungsunternehmens wird durch die Berücksichtigung dreier Risikokategorien (versicherungstechnisches Risiko, operatives Risiko und Kapitalanlagenrisiko) abgebildet. Diese Risikokategorien werden ihrerseits wiederum in einzelne Teilrisiken untergliedert .
  • Das Kapitalanlagerisiko und das operative Risiko werden spartenübergreifend modelliert.
  • Das versicherungstechnische Risiko wird auf Grund der Besonderheiten von Lebens-, Schaden-/ Unfall- und Krankenversicherer unterschiedlich abgebildet.
  • Die Quantifizierung aller maßgeblichen Teilrisiken erfolgt im Rahmen eines Koeffizientenansatzes.
  • Der Risikokapitalbedarf errechnet sich mit Hilfe der wahrscheinlichkeitsbasierten Risikofaktoren für den einjährigen Zeithorizont.
  • Das Standardmodell bildet die individuelle Risikosituation des jeweiligen Unternehmens ab. Hierzu werden Risikofaktoren aus unternehmensinternen Daten hergeleitet.
  • Das zur Bedeckung der einzelnen Risiken errechnete Kapital wird anschließend zu einem Gesamtkapitalbedarf zusammengeführt, wobei die Risikoausgleichprozesse im Versicherungsunternehmen berücksichtigt werden.
  • Zur Bedeckung dieser Risiken stehen alle vorhandenen Vermögenswerte auf Marktwertbasis als Risikopuffer zur Verfügung – unabhängig davon, wie sie bilanziell erfasst sind.

Mit diesem Vorschlag hat die deutsche Versicherungswirtschaft als bisher einziger Markt in Europa ein Solvency II” taugliches Modell vorgelegt. Die Auswirkungen des Modells wurden bereits von deutschen Unternehmen getestet. Der Feldtest hat gezeigt, dass die Branche “Solvency II” finanzieren kann. Dieser Vorschlag wird jetzt von den Beteiligten in die Diskussion auf europäischer Ebene eingebracht.